Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)
Landtag von Baden-Württemberg: plenarprotokoll 12 / 94
Auszug: seiten 7362 bis 7369
Quelle: landtag-bw.de/resource/blob/218940/16cc0830db6202c7a76d8d1e9a0eec17/12_0094_04102000.pdf
12. Wahlperiode, 94. Sitzung
Stuttgart, Mittwoch, 4. Oktober 2000
Präsident Straub: Ich rufe Punkt 7 der Tagesordnung auf:
Antrag der Fraktion Die Republikaner und Stellungnahme des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport – Rücknahme aller Verordnungen betreffend die Einführung der neuen Rechtschreibung – Drucksache 12/5414
Das Präsidium hat folgende Redezeiten festgelegt: für die Begründung fünf Minuten und für die Aussprache fünf Minuten je Fraktion.
Das Wort zur Begründung erteile ich Herrn Abg. König.
Abg. König REP: Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren! Es ist üblich, dass die Landesregierung und die sie tragenden Fraktionen kurz vor einer Landtagswahl durch das Land laufen und Erfolgsmeldungen unter das Volk bringen. Dieses Mal ist natürlich auch die Kultusministerin, Frau Schavan, dabei. Sie marschiert in der ersten Reihe und erzählt, was in dieser Legislaturperiode alles auf den Weg gebracht worden ist. Das ist gut so; in der Tat ist auch einiges auf den Weg gebracht worden, zum Beispiel die Rechtschreibreform.
Aber diese ist nicht im so genannten Positivkatalog enthalten. Warum? Ich vermute schlicht und einfach, dass die Ministerin in der Zwischenzeit selbst eingesehen hat, dass sie mit der Rechtschreibreform in Deutschland und im gesamten deutschsprachigen Raum einen Flop gelandet hat und sie als Vorreiterin hier natürlich auch ein Stück Mitverantwortung zu tragen hat.
(Beifall bei den Republikanern)
Ich hätte größten Respekt vor der Frau Ministerin, wenn sie Rückgrat beweisen und sagen würde: „Es hat sich gezeigt, dass niemand diese Rechtschreibreform annimmt. Im Volk, das sie anwenden soll, fehlt schlichtweg die Akzeptanz. Wir haben uns getäuscht – das kann passieren –, wir setzen diesem Spuk ein Ende.“
(Beifall bei den Republikanern)
Davor hätte ich Respekt gehabt. Aber nein, die Devise hier scheint zu sein: „Möglichst nicht darüber reden, Augen zu und durch!“ Nicht mit uns Republikanern, nicht mit uns!
Meine sehr verehrten Damen und Herren, eine von oben verordnete Sprachreform – in diesem Fall der Schriftsprache –, die vom Volk nicht angenommen wird, verwirrt die Menschen nur. Sie hat nicht ein einziges der vorgegebenen Ziele erreicht, sondern nichts anderes geschaffen als Verunsicherung und Verwirrung. Dies wollen wir mit unserem Antrag heute ein für alle Mal beenden und abstellen.
(Beifall bei den Republikanern – Abg. Nagel SPD: Wenn wir so schreiben würden, wie der redet!)
Meine Damen und Herren, wenn gesagt wird, die Einführung der neuen Rechtschreibung in unseren Schulen funktioniere problemlos, es gebe dafür nur Begeisterung, dann stimmt das schlicht und einfach so nicht. Die Kinder sind nämlich auch bereits in der Schule von diesem Durcheinander, von diesem Chaos total verwirrt. Warum? In der Schule lernen sie die neue Rechtschreibung, die neuen Rechtschreibregeln, in den Schulbüchern gibt es aber teilweise noch die alte Rechtschreibung, und zu Hause gibt es ohnehin die alte Rechtschreibung, weil die Eltern diese beherrschen, vielleicht auch gut beherrschen. Darüber hinaus begegnen die Schüler in Zeitungen auch noch der alten Rechtschreibung. Dadurch gibt es nur Verwirrung. Wer behauptet, ein Zurückgehen zur alten Rechtschreibung würde ein Chaos auslösen, muss sich sagen lassen: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Das Chaos besteht jetzt, und wir würden wieder zum Normalfall, nämlich zum Überschaubaren, zurückkehren.
(Beifall bei den Republikanern – Zuruf des Abg. Nagel SPD)
Meine Damen und Herren, Sie können aus dem Internet eine 19-seitige Liste von all den Verlagen, Zeitungen usw. herauslassen, die die Rechtschreibreform, die seit einem Jahr verbindlich ist – mit einer Übergangszeit bis zum Jahr 2005; das weiß ich auch –, nicht mitgemacht haben. Von denen, die mitgemacht haben, ist in der Zwischenzeit der eine oder andere Verlag, insbesondere aber eine ganz besondere Zeitung, auch für Baden-Württemberg, nämlich die FAZ, wieder davon abgekehrt und schreibt, diese Reform der deutschen Rechtschreibung sei der größte Blödsinn.
(Beifall bei den Republikanern – Abg. Kretschmann Bündnis 90/Die Grünen: Seit wann ist die FAZ aus Baden-Württemberg? Die heißt doch FAZ und nicht SAZ!)
Meine Damen und Herren, ein Punkt, der in der Debatte noch überhaupt nicht aufgegriffen worden ist, ist doch der, dass wir nicht nur Verwirrung im deutschen Sprachraum erzeugen, sondern insbesondere auch Verwirrung außerhalb des deutschen Sprachraums,
(Abg. Walter Bündnis 90/Die Grünen: Die lateinische Sprache sollten wir wohl auch wieder abschaffen!)
nämlich überall dort, wo an ausländischen Schulen Deutschunterricht stattfindet, in Japan, in Südamerika, egal, wo. Auch diese Schulen wissen nicht mehr, was los ist. Warum? Auch der Duden, auf den man sich bisher hat verlassen können, bringt jedes Jahr eine neue Fassung heraus.
(Zuruf des Abg. Herrmann CDU)
Dabei ist jede neue Fassung noch verwirrender als die alte.
(Abg. Walter Bündnis 90/Die Grünen: Ich glaube, die haben zu viel Schnaps getrunken!)
Meine Damen und Herren, mit dieser Rechtschreibreform ist die deutsche Schriftsprache regelrecht zur Beliebigkeit verkommen.
(Abg. Walter Bündnis 90/Die Grünen: Solche Lehrer lassen die auf die Kinder los!)
Sie können heute ein Komma setzen, obwohl Sie das nicht müssten. Sie können auch keines setzen, obwohl Sie es müssten. Die Lehrer trauen sich doch gar nicht mehr, dies als Fehler anzustreichen, weil sie selbst nicht sicher sind, nach welchem Rechtschreibwerk sie ihre Korrekturen durchführen müssen.
(Zuruf des Abg. Walter Bündnis 90/Die Grünen – Abg. Hehn CDU: Es ist leichter geworden! – Abg. Herrmann CDU: Sie haben ein besonderes Internet!)
Meine Damen und Herren, man hat keine Kosten gescheut, um die Rechtschreibreform einzuführen. Wir wollen nicht noch mehr Geld hinausschmeißen. Beenden wir das Ganze. Wir müssen von dieser Beliebigkeit wieder zurückfinden zur Einheitlichkeit, an der sich alle orientieren können.
Natürlich ist Sprache, auch Schriftsprache, etwas Lebendiges. Aber ich brauche eine Grundlage, und da kann nicht alles schwammig sein. Wenn ich ein Haus auf morastigem Grund baue, dann hat es keine Standfestigkeit. Wir müssen von der Beliebigkeit zurückkehren zur Einheitlichkeit,
(Abg. Hehn CDU: Zur altgermanischen Sprache! – Abg. Zeiher CDU: Zum einheitlichen Morast!)
zurückkehren über die alte Rechtschreibung, sie als Katalysator für eventuell notwendige kleine Schritte der Anpassung verwenden. Das ist der Punkt.
Vor diesem Hintergrund, meine sehr verehrten Damen und Herren – –
(Abg. Nagel SPD: Oje!)
– Sie sagen „Oje“.
(Abg. Zeiher CDU: „Ojemine“ wäre besser!)
Es gibt eine Allensbach-Umfrage vom 8. August.
(Abg. Walter Bündnis 90/Die Grünen: 8. August ist schon überholt!)
Danach schreiben 13 % der Bundesbürger nach der neuen Rechtschreibung. 15 % überlegen sich, ob sie etwas Positives daraus entnehmen können. So kriegt dann jeder seine eigene Hausschreibregel – so will ich es einmal bezeichnen. 72 % lehnen die neue Rechtschreibung absolut ab, also null Akzeptanz, wenn man es genau nimmt. Denn man muss von den 13 % ja noch die abziehen, die von Amts wegen die neue Rechtschreibung anwenden müssen, weil sie das verordnet bekommen haben. Deswegen wollen wir die Verordnungen zurückgenommen wissen. Das ist doch Sache, und das sollte man respektieren.
Für mich ist Volkes Wille immer noch bindend, für Sie anscheinend nicht.
(Beifall bei Abgeordneten der Republikaner – Abg. Kretschmann Bündnis 90/Die Grünen: Vox populi, vox Rindvieh!)
Meine Damen und Herren, man hat sich geweigert, zu diesem Thema eine Volksbefragung durchzuführen. Es zeigt sich, dass dies der größte Fehler war. Denn dann hätte man schon früher erkennen können, dass diese Rechtschreibreform keinerlei Rückhalt in der Bevölkerung hat.
(Abg. Walter Bündnis 90/Die Grünen: Die Redezeit muss doch abgelaufen sein! – Abg. Nagel SPD: Nicht nur die Redezeit, seine Zeit ist abgelaufen!)
Bitte stimmen Sie unserem Antrag zu, sämtliche Verordnungen, die Ämter, Schulen und öffentliche Einrichtungen verpflichten, die neue Rechtschreibung anzuwenden, zurückzunehmen. Lasst uns zur guten alten deutschen Rechtschreibung zurückkehren und an den Punkten Änderungen vornehmen, wo es notwendig ist.
Ich danke für das große Entgegenkommen und Verständnis.
(Beifall bei den Republikanern – Abg. Herrmann CDU: Führen Sie Sütterlin wieder ein! – Abg. Zeiher CDU: Welch ein Glück, dass er selber lachen muss bei dem Geschwätz!)
Stellv. Präsident Birzele: Das Wort erhält Herr Abg. Ommeln.
Abg. Ommeln CDU: Verehrter Präsident, meine Damen und Herren!
(Unruhe – Glocke des Präsidenten)
Stellv. Präsident Birzele: Meine Damen und Herren, ich bitte um Ruhe.
Abg. Ommeln CDU: Ich gestehe, dass ich im Vorfeld der Debatte Sorge hatte, wir würden heute den herbstlichen Aufguss eines Sommerlochthemas behandeln. Nach dieser Begründung sehe ich mich in dieser Sorge bestätigt.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU)
Sie schreiben in Ihrem Antrag, Anlass für Ihre Initiative sei die Ankündigung der FAZ gewesen, am 1. August zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Wohlgemerkt, eine Zeitung hat dies gemacht.
(Abg. Deuschle REP: Eine wichtige Zeitung, vielleicht die wichtigste in Deutschland!)
Das war für Sie Grund genug, auf diesen Zug aufzuspringen und gegen die neue Rechtschreibung mobilzumachen.
Ich will eingangs gar nicht verhehlen, dass ich für einen kleinen Teil Ihrer Argumente durchaus Verständnis aufbringen kann.
(Abg. König REP: Danke!)
Zweifelsohne haben sich noch nicht alle an die neuen Regeln gewöhnt,
(Abg. Hehn CDU: Das ist klar!)
und zweifelsohne hat die Rechtschreibreform auch noch nicht alle Kuriositäten der alten Regelung beseitigen können, ja sogar andere Ungereimtheiten geschaffen.
Trotzdem, meine Kollegen von den Republikanern, finde ich es sehr befremdlich, wenn Sie argumentieren, dass die Rechtschreibreform große Unsicherheit geschaffen habe. Sie selbst tragen mit Ihrer Initiative doch maßgeblich zu dieser Unsicherheit bei.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU, der SPD und des Bündnisses 90/Die Grünen)
Wer die Abschaffung oder Aussetzung der Rechtschreibreform jetzt fordert, nachdem die neuen Regeln zwei Jahre in der Schule erfolgreich gelehrt und in der Verwaltung umgesetzt werden, der nimmt billigend Irritationen und weitere Unsicherheiten in Kauf.
Damit nicht genug: Würde Ihr Antrag eine Mehrheit hier im Haus finden, würde dies heißen, dass Baden-Württemberg zukünftig nach der alten Rechtschreibung schreiben würde, das restliche Bundesgebiet jedoch nach den neuen Regeln. Dies kann wohl kaum ernsthafter politischer Wille sein.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU)
Würden Sie, meine Damen und Herren von den Republikanern, Ihren eigenen Antrag konsequent zu Ende denken, würden Sie feststellen, dass Sie den Bock zum Gärtner machen wollen. Denn „zu Ende gedacht“ heißt nichts anderes, als dass Sie mit Ihrem Antrag das Ende aller Verbindlichkeiten festschreiben wollen. Oder umgekehrt: Das Chaos, das Sie beklagen, schaffen Sie erst.
In Ihrer Antragsbegründung steht aber noch etwas anderes Bemerkenswertes. Sie schreiben nämlich, eine Rechtschreibreform könne nicht über den Verordnungsweg eingeführt werden. Da frage ich mich aber schon, ob Ihnen im Sommerloch entgangen ist, dass die alte Rechtschreibung, auf die Sie sich berufen – auch als Autorität, wie der Duden –, ebenfalls über den Verordnungsweg eingeführt wurde.
Sie schreiben weiter, die Rechtschreibung könne deswegen nicht über den Verordnungsweg eingeführt werden, weil nicht sichergestellt werden könne, dass alle Schreibenden in unserem Land die gleichen Regeln anwendeten. Da frage ich mich schon: Welches Rechtsverständnis herrscht in Ihrer Fraktion vor?
(Beifall des Abg. Rech CDU)
Es ist doch ganz klar: Eine über den Verordnungsweg festgeschriebene Rechtschreibung kann nur innerhalb der Schulen und der öffentlichen Verwaltung verbindlich sein.
(Zuruf von der CDU: Sehr gut!)
Darüber hinaus entfaltet sie natürlich eine Vorbildfunktion. Aber wer jedem freien Bürger rechtsverbindlich vorschreiben will, wie er zu schreiben hat, offenbart ein mir völlig fremdes Rechtsverständnis.
(Beifall bei der CDU und des Abg. Kretschmann Bündnis 90/Die Grünen)
Meine Damen und Herren, Ihre Argumentation ist nicht nur schwach, sie ist brüchig, sie ist nicht logisch. Das kann sie auch gar nicht sein. Denn Ihnen geht es im Grunde genommen gar nicht um eine Rechtschreibreform. Ihnen geht es nicht um eine Reform, die unsere Kinder in die Lage versetzt, leichter deutsch schreiben zu lernen. Denn wenn es Ihnen darum ginge, würden Sie zur Kenntnis nehmen, dass die Elternschaft für diese Diskussion gar kein Verständnis aufbringt, und zwar deshalb, weil sie weiß, dass ihre Kinder seit zwei Jahren erfolgreich und ohne Probleme nach den neuen Regeln schreiben lernen.
(Abg. König REP: „Ohne Probleme“, das stimmt doch gar nicht!)
– Sie können ja nachfragen, wenn Sie in Schulen gehen. Sprechen Sie einmal mit Lehrern. Sie bestätigen das Gleiche.
(Abg. König REP: Ich bin selber Lehrer!)
Selbst jene, die der Rechtschreibreform gegenüber kritisch eingestellt waren oder es noch sind, bestätigen auf Nachfrage, dass nach den neuen Regeln nicht mehr Fehler gemacht werden als vorher. Auch dass man nicht zwingend zur alten Rechtschreibung zurückkehren muss, ist ein Argument.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU)
Meine Damen und Herren, die Initiative der Republikaner entspringt entgegen ihrer Behauptung nicht der Sorge um die deutsche Rechtschreibung. Sie entspringt lediglich der Hoffnung auf ein bisschen politische Anerkennung.
(Beifall des Abg. Rech CDU)
Meinetwegen, die sollen Sie haben, aber bitte nicht auf dem Rücken unserer Kinder.
(Beifall bei der CDU – Abg. Rech CDU: Mal einer, der das klar sagt!)
Für uns in der CDU ist auf jeden Fall klar, dass wir nicht nach dem Motto der Republikaner Politik betreiben: Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Wir pflegen Politik mit Weitsicht zu betreiben. Dazu gehört auch, dass wir eine Reform, der Kultusministerkonferenz und Bundesregierung gemeinsam zugestimmt haben, nicht bei erster Gelegenheit über Bord werfen.
Gestatten Sie mir zum Schluss noch eine Anmerkung zu einer Sorge, die Sie in Ihrem Antrag formuliert haben, wonach die neue Regelung Wortbedeutungen aus unserem Sprachschatz tilgen würde. Da kann ich Sie beruhigen: Ein Blick ins Regelwerk hilft.
Die Bedeutung eines Wortes hängt nicht am Wort allein, sondern lebt vom Sprachgebrauch. Ein Beispiel: „Jemandem einen Korb geben“ kann ganz konkret oder auch in übertragenem Sinn gemeint sein. In diesem übertragenen Sinn geben wir Ihrem Antrag und Ihrem Ansinnen einen Korb – zum Wohle der Einheitlichkeit der Rechtschreibung.
(Beifall bei der CDU und Abgeordneten der FDP/DVP sowie des Abg. Kretschmann Bündnis 90/Die Grünen – Abg. Rech CDU: Unsere Antwort auf Capezzuto!)
Stellv. Präsident Birzele: Das Wort erhält Frau Abg. Rudolf.
Abg. Christine Rudolf SPD: Herr Präsident, meine Damen, meine Herren! Uns liegt im Oktober 2000 der Antrag vor, die Rechtschreibreform, die schon 1996 als Verordnung eingeführt und umgesetzt worden ist, wieder rückgängig zu machen. Das ist meines Erachtens ein Ansinnen, das wirklich von vorgestern ist. Wenn wir uns erinnern, welchen Weg diese Rechtschreibreform genommen hat, welcher breite Konsens vorgeschaltet wurde, um gemeinsam diese wenigen kleinen Schritte zur Vereinfachung der deutschen Schriftsprache zu erzielen, müssen wir feststellen, dass das Ansinnen, dieses Wenige, was wir erreicht haben, zurückzunehmen, von vorgestern ist.
Darüber hinaus – Herr Ommeln hat es bereits ausgeführt, deshalb möchte ich es nur kurz antippen – ist die Rechtschreibreform in den Schulen vollzogen. Wenn hier das Argument angeführt wird, wir würden mit dieser Rechtschreibreform für Verwirrung sorgen, dann ist gerade das vorgetragene Ansinnen der größte Meilenstein zur Verwirrung.
Wenn man die Umfrage, die Sie ebenfalls zitiert haben, Herr König, genau liest, sieht man, dass ein Generationsproblem vorliegt. Mehr als die Hälfte der jüngeren Menschen bis zum Alter von 29 Jahren sind bereit, die neue Rechtschreibung zu benutzen oder in absehbarer Zeit anzuwenden. Es ist verständlich, dass Menschen, die in ihrer Schulzeit nicht mit der reformierten Rechtschreibung konfrontiert waren und jetzt keine Nachschulung erhalten haben, sich mit den vorgenommenen Umstellungen etwas schwer tun.
Aber Sprache ist etwas Lebendiges, deshalb wird sich die Reform in weiten Teilen durchsetzen. Darauf hoffen wir in der Fraktion und weisen deswegen dieses Ansinnen von vorgestern zurück.
(Beifall bei der SPD sowie Abgeordneten der CDU und des Bündnisses 90/Die Grünen)
Stellv. Präsident Birzele: Das Wort erhält Herr Abg. Kretschmann.
Abg. KretschmannBündnis 90/Die Grünen: Herr Präsident, meine Damen und Herren! Weil wir bekanntlich nicht so schreiben wie wir sprechen, ist Rechtschreibung eine schwierige Angelegenheit, besonders die deutsche. Deshalb ändert man die Rechtschreibregeln nur selten; das letzte Mal geschah dies vor 100 Jahren.
Auch die neue Rechtschreibreform ist deshalb sehr vorsichtig angegangen worden. Man schreckte vor einer großen Rechtschreibreform mit radikalen Vereinfachungen zurück. Das Ganze geschah in einem sehr aufwendigen Verfahren. Es gelten Übergangsfristen bis zum Jahr 2005. Bis zum Jahr 2002 sollen die Ungereimtheiten, die sich bei einem so komplexen Regelwerk immer ergeben, gesammelt, besprochen und endgültig geklärt werden. Wir haben also ein ganz klares Verfahren.
90 oder 95 % der Bevölkerung haben die Rechtschreibung anders gelernt und schreiben seit Jahrzehnten anders. Es ist logisch, dass diese Menschen erst einmal gegen die Reform eingestellt sind. Das kann niemanden besonders erstaunen und ist eigentlich zu erwarten.
Trotzdem hat sich die neue Rechtschreibung, soweit die Erfahrungen mit ihrer Einführung bereits reichen, in der Praxis durchaus bewährt. Es wäre völlig unsinnig, ein so schwieriges Regelwerk, dessen Ausarbeitung so lange gedauert hat und an dem so viele beteiligt waren,
(Abg. Deuschle REP: Und auch Geld verdient haben!)
beim ersten Gegenwind wieder umzustoßen und etwas Neues daraus zu machen. Damit erledigt man politische Prozesse. Es ist nämlich Sinn der Politik, verlässliche Regeln für einen absehbaren Zeitraum zu schaffen und sie nicht beim erstbesten Gegenwind wieder umzustoßen, auch wenn es allmählich vielleicht modern geworden ist, wie wir an der Debatte zur Ökosteuer sehen.
(Lachen bei der CDU und den Republikanern – Zuruf von der CDU: Eben! – Abg. Deuschle REP: Eigentor! – Abg. König REP: Ein gutes Beispiel!)
Natürlich beinhaltet Rechtschreibung immer eine gewisse Willkür, deswegen kann sich auch jeder genüsslich darüber auslassen. Aber schon bei der letzten Rechtschreibreform war es so: Wir schreiben heute „Tal“ und „Tag“ ohne h, aber „Thron“ mit h. Warum? Weil es dem damaligen Kaiser einfach nicht gepasst hat, dass sein Stuhl ohne h geschrieben wird. Deswegen schreiben wir auch nach der neuen Rechtschreibreform „Eltern“ nach wie vor mit e und nicht mit ä, damit man dieser Generation nicht pietätlos zu nahe tritt und ihr nicht nahe gebracht wird, dass „Eltern“ etwas mit „alt“ zu tun hat.
Deswegen handelt es sich, wie ich glaube, beim Antrag Drucksache 12/5414 um einen ganz unsinnigen Antrag, dem kein vernünftiger Politiker entsprechen kann.
(Abg. Deuschle REP: Nicht so hochmütig!)
Etwas ganz anderes ist es, sich für die Sprache der eigenen Gesellschaft einzusetzen. Da bestehen ganz andere Gefahren als die der Rechtschreibung. Unsere Sprache wird von einer Unmenge von Anglizismen durchsetzt.
(Beifall bei den Republikanern – Abg. Deuschle REP: Eben! Bravo!)
Zwar hat unsere Sprache schon immer Fremdwörter aufgenommen und in ihren Sprachkorpus eingebaut, aber gegenwärtig hat das ein solches Ausmaß und Tempo angenommen, dass die Fremdwörter oft Fremdkörper bleiben und gar nicht mehr in unsere Sprache integriert werden. Wer also etwas für unsere Sprache tun möchte, der muss es beim Sprechen und nicht bei der Rechtschreibung tun und der muss dafür sorgen, dass unsere Sprache lebendig und kräftig bleibt und dass wir endlich der Tatsache Widerstand entgegensetzen, dass alles, was insbesondere in der Werbung als besonders originell gelten will, mit irgendwelchen Anglizismen daherkommt,
(Beifall bei den Republikanern – Abg. Deuschle REP: Bravo!)
weil das die eigene Sprachfantasie auf Dauer untergraben muss. Ich glaube, wir müssten wieder etwas dafür tun, dass wir die Verwendung der eigenen Sprache, immerhin die allerwichtigste Grundlage für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, fördern und uns um gutes Deutsch und um gutes Sprechen bemühen.
(Beifall beim Bündnis 90/Die Grünen, bei den Republikanern und des Abg. Hofer FDP/DVP)
Das nur als Empfehlung an Sie, Herr König.
Wenn das Kultusministerium eine Kampagne an den Grundschulen, die auf die Gefahren der Hörschädigung durch den Freizeitlärm hinweisen will, unter dem Motto „Take care of your ears“ durchführt und wir nicht mehr in der Lage sind, an der Grundschule eine Kampagne zu machen, die „Pass auf deine Ohren auf“ heißt,
(Beifall bei den Republikanern)
dann, finde ich, sollten wir uns allerdings überlegen, ob da nicht manches in die falsche Richtung läuft.
(Abg. Deuschle REP: Eben!)
Wer sich wirklich um Sprache bemüht, der bemüht sich um Sprechen und nicht um Rechtschreibung. Da gibt es viel zu tun, und da können wir uns alle bemühen, aber nicht solche Pseudopatrioten wie ihr.
(Beifall beim Bündnis 90/Die Grünen und bei Abgeordneten der FDP/DVP – Abg. König REP: Richtige Patrioten, keine Pseudopatrioten!)
Stellv. Präsident Birzele: Das Wort erteile ich Frau Abg. Berroth.
Abg. Heiderose Berroth FDP/DVP: Herr Präsident, meine Damen und Herren! Ich darf uns kurz die historische Entwicklung in Erinnerung rufen.
(Abg. Nagel SPD: Nein!)
Fachleute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hatten viele Jahre beraten und sich dann international geeinigt.
(Zuruf von den Republikanern: Ausgesuchte Fachleute!)
Verlage haben sich darauf eingestellt. Die Presse hat darüber berichtet. Großeltern haben in den Buchhandlungen bereits für ihre Enkelkinder nur noch Bücher mit der neuen Rechtschreibung gekauft. Schulen haben sich mit einem Schongang umgestellt. Die Zeitungen sind ein Jahr später gefolgt. Eine Zeitung hat inzwischen zurückgezogen. Diese ist allerdings seit jeher traditionsbewusst und traditionsverhaftet. Sie hat heute ihren Satz noch in Fraktur und wird vermutlich nicht mehrheitlich von der jungen Generation gelesen. Deshalb ist diese Rückkehr unschädlich.
Ganz anders sieht es mit dem hier zu beratenden Antrag aus. Abgesehen davon, dass es inhaltlich falsch wäre, wenn wir ihm folgten, können gerade wir in Baden-Württemberg dies unseren mittelständischen Verlagen und Buchhändlern, den Redaktionen und vielen anderen, die schon umgelernt haben, nicht zumuten.
Wer ist denn heute gegen die Rechtschreibreform? Es sind vor allem Menschen, die mit dem, was sie können, zufrieden sind und nicht unbedingt umlernen wollen. Ich denke, das ist in Ordnung. Wer nicht in einer Verwaltung oder in einem großen Betrieb ist, der die neue Rechtschreibung verlangt, muss sich ja nicht umstellen. Wer will ihn dazu vergewaltigen?
(Abg. Deuschle REP: Das wollen wir nicht!)
Das kann man gar nicht verordnen.
Aber wir sollten doch auch bedenken: Goethe hat – Sie haben es schon angeführt – anders geschrieben als wir heute. Herr Kollege Kretschmann, ich teile nicht Ihre Meinung, dass sich seit 1901 nichts geändert hätte. Ich erinnere mich sehr wohl, dass ich, als ich meine Diplomarbeit geschrieben habe, mir ein neues Regelheft gekauft habe, weil sich damals, 15 Jahre nach meiner Grundschulzeit, wieder einiges geändert hatte. Ich würde mir heute nicht zutrauen, etwas nach der alten Rechtschreibung zu schreiben, das ganz regelgerecht ist. Denn aus den damals 20 Kommaregeln sind inzwischen über 50 geworden und, und, und.
(Abg. Hehn CDU: So viel sind es nicht!)
Da hat sich einiges weiterentwickelt, und alle, die meinen, sie bleiben bei ihrer guten alten Schreibweise, sollten das bedenken.
Dann gibt es natürlich auch noch Spezialisten, die unzufrieden sind. Das Thema ist stark emotional befrachtet. Man kann ein solches Thema unter Spezialisten auch nicht endgültig ausdiskutieren. Das wird nie möglich sein. Da wird es immer gegenläufige Antworten geben.
Eines ist allerdings auch klar: Es gibt in der gegenwärtigen Form noch Unstimmigkeiten. Es gibt Dinge, die noch nicht ganz ineinander passen. Ich meine, man kann noch etliches vereinfachen. Deswegen muss diese Reform, so wie es auch vorgesehen ist, noch weitergeführt werden. Mir wäre es am allerliebsten, wenn das wirklich die Linguisten unter sich ausmachen würden.
(Abg. Hehn CDU: Nein! – Abg. König REP: Aber ja nicht, Frau Berroth!)
Ich befürchte allerdings, dass Spezialisten immer mehr zum Komplizieren als zum Vereinfachen neigen, sodass wir da ein Stück regelnd eingreifen müssen. Wir müssen aber – diese Übergangsfrist ist bewusst gesetzt – schon frühzeitig darauf dringen, dass man rechtzeitig anfängt, zu überprüfen, wo noch Nachbesserung möglich ist. Ich habe deshalb vorhin mit der Frau Kultusministerin darüber gesprochen, dass ich erwarte, dass die Kultusministerkonferenz sehr bald einen Auftrag in dieser Richtung erteilt und dass wir dann am Ende der Erprobungszeit auch eine klare Linie haben, was noch zu tun ist, bis wir wieder ein endgültiges vernünftiges Konzept haben.
Übrigens verspreche ich: Wenn die klare Linie da ist, werde ich mich auch umstellen, weil ich es schon leid bin, dass mich mein Computer dauernd korrigiert und ich nicht ganz sicher bin, ob er Recht hat oder ich. Auf diese neue Lernphase freue ich mich.
(Abg. König REP: Gehen wir wieder zurück, dann haben Sie kein Problem mehr!)
Aber Fazit: Beenden wir jetzt das diesjährige Sommerloch. Vor allem: Tappen wir nicht nach rechts zurück, schon wegen der wirtschaftlichen Konsequenzen, sondern gehen wir mutig nach vorn zu klarer Sprache und Schrift.
(Beifall bei der FDP/DVP sowie der Abg. Dr. Carmina Brenner CDU und Kretschmann Bündnis 90/Die Grünen)
Stellv. Präsident Birzele: Meine Damen und Herren, bevor ich das Wort weiter erteile, möchte ich unter unseren Gästen auf der Zuhörertribüne besonders den neuen Generalkonsul der Republik Ungarn in Baden-Württemberg, Herrn Tamás Mydlo, begrüßen.
(Beifall bei allen Fraktionen)
Herr Generalkonsul, ich darf Sie sehr herzlich hier im Landtag willkommen heißen und wünsche Ihnen ein erfolgreiches Wirken für Ihr Land in Baden-Württemberg.
(Beifall bei allen Fraktionen)
Das Wort erhält nun für eine kurze Restredezeit von 26 Sekunden Herr Abg. König.
(Abg. Hehn CDU: Au, Lothar, jetzt musst du aber schnell machen!)
Abg. König REP: Danke, Herr Präsident.
(Abg. Capezzuto SPD: 21, 22!)
Ich muss mich beeilen. Herr Kretschmann, das Thema „Verhunzung der deutschen Sprache durch Anglizismen und Sonstiges“ wird uns weiter beschäftigen.
Ganz schnell zu Ihnen, Herr Kollege Ommeln. Es stimmt einfach nicht, dass die Ziele der Rechtschreibreform erreicht worden wären. Es ist weder leichter geworden, das Schreiben zu lernen, noch hat die Reform die Fehlerzahl reduziert.
(Abg. Hehn CDU: Doch!)
Sie hat zusätzliche Fehlerquellen geschaffen. Wenn die Übergangszeit am Ende des Jahres 2005 abgelaufen ist, dann ist es in der Tat auch ein Fehler, wenn ich „dass“ mit ß schreibe anstatt mit zwei s, was jetzt kein Fehler ist, aber zum Beispiel schreiben immer mehr Kinder auch „Straße“ anstatt mit ß mit zwei s, oder sie schreiben „Fußtritt“ mit zwei s. Das sind neue Fehlerquellen. Insofern hat die Reform unter dem Strich nichts gebracht. Bitte, stimmen Sie unserem Antrag zu. Dann haben wir das Ding erledigt und vom Tisch.
(Beifall bei den Republikanern)
Stellv. Präsident Birzele: Das Wort erhält Herr Staatssekretär Köberle.
Staatssekretär Köberle: Verehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Es ist wirklich eine Sommerlochdebatte, die heute hier ihren völlig überflüssigen Wurmfortsatz findet. Es waren zwei Ereignisse, auf die die Republikaner aufgesprungen sind. Das eine ist die Neuauflage des Rechtschreibwörterbuchs „Duden“. Damit sind ja viele Fehlinformationen und auch Hoffnungen der Gegner verbunden gewesen, dass der „Duden“ die Rechtschreibreform teilweise wieder zurücknehmen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Der „Duden“ lässt keinen Zweifel daran, dass er uneingeschränkt hinter dieser Reform steht.
(Abg. König REP: Da verdient er auch genug daran!)
Das Zweite ist die Entscheidung einer Zeitung, die wir alle sonst sehr hoch schätzen,
(Abg. Nagel SPD: Nicht alle! – Gegenruf des Abg. König REP: Ihr nicht, aber wir!)
nämlich der FAZ, zu den alten Regeln zurückzukehren. Das hat Schlagzeilen gemacht – das ist richtig –, vor allem in der FAZ selber. Aber keine andere Zeitung hat sich dieser Reform der Reform, dieser Rückwärtswendung angeschlossen.
Zum Verfahren ist einiges gesagt worden. Man hat wirklich jahrelang, jahrzehntelang über die Notwendigkeit einer Rechtschreibreform diskutiert. Am Ende kam ein Minimalkonsens heraus, eine Minireform. Aber wenigstens hat diese Reform einen großen Konsens gefunden: auf der Bundesebene, bei allen Bundesländern und darüber hinaus allen deutschsprachigen Ländern.
Jetzt haben wir auch juristische Bestätigungen des Verfahrens bis hin zu einer klaren Aussage des Bundesverfassungsgerichts. Die Übergangszeit gilt bis zum Jahr 2005 für die öffentliche Verwaltung und für die Schulen. Privat kann jeder bis zum Lebensende so schreiben, wie er es gelernt hat und wie es nach wie vor auch jeder lesen und verstehen kann. Da wird man niemandem einen Zwang antun.
Eines muss noch klar gesagt werden: Man verliert die Zielgruppe, für die die Reform gedacht war, völlig aus dem Auge. Es ist überhaupt nicht an diejenigen gedacht, die mehr oder weniger das richtige Schreiben gelernt haben,
(Zuruf des Abg. Hehn CDU)
die die Regeln verinnerlicht haben und versuchen, sie richtig anzuwenden. Das war überhaupt nicht die Zielgruppe, sondern die Zielgruppe war die junge Generation, waren die Kinder, die mühsam das Schreiben erlernen müssen.
Da haben wir das Ziel erreicht, nämlich die Beseitigung vieler unlogischer Regeln und schwer nachvollziehbarer Schreib- und Zeichensetzungsregeln. In der ganzen Bundesrepublik – auch bei uns in Baden-Württemberg – sind die Erfahrungen der Pädagogen vor Ort durchweg positiv. Dies bestätigt auch der Bundeselternbeirat. In einem offenen Brief hat der Bundeselternbeirat an den Präsidenten der Kultusministerkonferenz
(Abg. König REP unterhält sich mit Fraktionskollegen.)
– Herr König, jetzt sollten Sie zuhören – Folgendes geschrieben: Die jetzige Diskussion wird von den meisten Eltern kaum verstanden, da ihre Kinder nunmehr seit fünf Jahren ohne Probleme und mit gutem Erfolg die neue Rechtschreibung in den Schulen lernen.
Genau das war die Zielgruppe, und genau für diese Kinder wollten wir eine Verbesserung. Diese Verbesserung ist erreicht worden. Deshalb sollten wir diese Aussage des Bundeselternbeirats und auch der Pädagogen an unseren Schulen beherzigen und nicht in blinden Aktionismus verfallen.
Natürlich müssen wir in der Zeit bis 2005 die Erfahrungen kritisch auswerten. Liebe Frau Berroth, die Regeln sind klar. Die Kommission, die auf Dauer eingerichtet ist, legt immer wieder einen Bericht vor. Es gibt bereits zwei Kommissionsberichte, der nächste Bericht folgt im Jahr 2003. Die Berichte enthalten Erfahrungsauswertungen, aber auch Vorschläge, wie man das eine oder andere, was noch nicht stimmig ist, korrigieren kann.
Ich denke, wir sollten warten bis zum Jahr 2005 – aber nicht nur im Land, sondern generell alle, die hinter der Einführung stehen – und dann entscheiden und die neue Reform konsequent umsetzen.
Fazit: Wenn man an die junge Generation denkt, bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als den Antrag der Republikaner abzulehnen.
Zu diesem Antrag will ich aber doch noch eine Bemerkung machen. Also, allen Respekt, wer auch immer den Antrag bei Ihnen geschrieben hat: Sie haben die Regeln der neuen Rechtschreibung perfekt angewendet.
(Abg. Deuschle REP: Der Landtag hat! Das ist die Verwaltung gewesen! – Weitere Zurufe von den Republikanern)
Aber ein zweiter Satz dazu: Für einen Deutschlehrer wäre schon ein sehr hoher Einsatz roter Tinte notwendig gewesen, wenn er die anderen – vor allem grammatischen – Fehler korrigieren wollte, die sowohl gegen die neue als auch gegen die alte Rechtschreibung in gleicher Weise verstoßen.
(Beifall bei der CDU, der SPD, beim Bündnis 90/Die Grünen und bei der FDP/DVP – Abg. König REP: Herr Präsident, darf ich erklären, wie das kommt?)
Stellv. Präsident Birzele: Nein.
(Abg. König REP: Wir schreiben nach der alten Rechtschreibung, und die Verwaltung setzt das in neue Rechtschreibung um!)
Staatssekretär Köberle: Ich weiß nicht, wie Ihre Vorlagen waren.
Herr König, letzte Bemerkung: Die Landtagsverwaltung und alle Fraktionen dieses Landtags sind so tolerant, dass sie selbst Anträge in alter Rechtschreibung akzeptieren würden – für die kurze Zeit, in der Sie noch dem Landtag angehören.
(Beifall bei der CDU und des Abg. Kretschmann Bündnis 90/Die Grünen)
Stellv. Präsident Birzele: Meine Damen und Herren, es liegen keine Wortmeldungen mehr vor. Wir kommen zur geschäftsordnungsmäßigen Behandlung des Antrags Drucksache 12/5414.
Wer dem Antrag zustimmen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. – Gegenprobe! – Enthaltungen? – Der Antrag ist mit großer Mehrheit abgelehnt.
Damit ist dieser Tagesordnungspunkt erledigt.