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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

presseartikel → 9.–12. 2002
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Aus presse und internet

2002-12-31

: Schreib, wenn du kannst. Die Rechtschreibreform war erfolgreich – jedenfalls die von Konrad Duden vor 100 Jahren. Hannoversche Allgemeine Zeitung, (), Kultur
1880 erschien schließlich das erste „Vollständige orthographische Wörterbuch“ im Verlag des Bibliographischen Instituts Leipzig. […] Es dauerte allerdings bis zum 1. Januar 1903, bis sie im Deutschen Reich, in Österreich und der Schweiz in Kraft trat. Der Umgang mit der deutschen Sprache war schon vor einem Jahrhundert mindestens so kompliziert wie die Sprache selbst. Das zeigt sich auch heute wieder – in den Jahren der permanenten Rechtschreibreformreform seit 1995. Die Experten überbieten sich gegenseitig mit immer neuen Vorschlägen. […] Otto Normalschreiber hat die Reform längst seinem Computer-Rechtschreibprogramm überantwortet oder folgt mal dieser und mal jener Regel. […] Schriftsprachliche Veränderungen werden sowieso stärker von der Praxis als von Kommissionen bestimmt: Im Internet […] tippt jeder auf seine Tastatur ein, wie es ihm gefällt. Ganz abgesehen von verkümmerten SMS-Meldungen, die den Gymnasialrektor Duden vermutlich hätten erschauern lassen.

2002-12-30

: Warum der Duden und das Österreichische Wörterbuch nützlicher sind. Die Presse, , Kultur
Weil der kleine Wahrig aber eine "Rechtschreibung" sein will, stellt er dem Wörterverzeichnis "Grundregeln der deutschen Orthografie" voran. Auf 54 eng bedruckten Seiten wird dargestellt, wie die neue Rechtschreibung funktioniert. Verfaßt hat sie der renommierte Linguist Peter Eisenberg, ausführlich kommentierend zeigt er die Stärken und Schwächen der Reform. […] Entstanden ist ein Text von akademischen Interesse für Orthografen. […] "Wahrig. Universalwörterbuch Rechtschreibung" ist etwas für Fortgeschrittene, für aktive Freunde oder Gegner der reformierten Orthografie, für Liebhaber von Wörterbüchern, für Spezialisten.

2002-12-29

: Vor hundert Jahren trat die erste Rechtschreibreform in Kraft. , , Wissenschaft (489 wörter)
Der Widerstand gegen die am 1. August 1998 in Kraft getretene jüngste Rechtschreibreform hat den Geschäftsführer der zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, Klaus Heller, nicht überrascht. Das sei auch vor hundert Jahren nicht anders gewesen, als am 1. Jänner 1903 erstmals eine einheitliche Regelung der deutschen Rechtschreibung für die Behörden im Deutschen Reich, in der Schweiz und in Österreich eingeführt wurde, so Heller.

2002-12-28

Sekt statt Glühwein. Rheinpfalz, , Speyer
Dass übrigens uns ganz neu erscheinende Lieder schon vor langer Zeit gesungen wurden, stellte jetzt unser Mitarbeiter Ferdinand Schlickel fest. Er entdeckte den folgenden Beitrag in der "Speierer Zeitung" vom 2. Januar 1903": "Amtlich wird mitgeteilt, dass die neue einheitliche Rechtschreibung vom 1. Januar 1903 ab bei allen Ausfertigungen und Veröffentlichungen amtlicher Behörden im Zivil- und Militärdienste Bayerns, namentlich in allen Amtsblättern, zur Anwendung gelangt. Für die Einführung der neuen Rechtschreibung in den deutschen Schulen wurde als Zeitpunkt der Beginn des Schuljahres 1903/1904, das ist der Herbst 1903, in Aussicht gestellt." Welches Leid sich daraus entwickeln kann, haben wir am eigenen Leib erlebt und erleben es noch.
: Äußerst amüsante Geschichtslektion. Theater-AG des Cusanus-Gymnasiums begeisterte mit der Komödie "Der Bürger als Edelmann". Saarbrücker Zeitung, , St. Wendel
Auch im Text hatte sich die Theater-AG einige Aktualisierungen einfallen lassen: Vor allem die Anspielungen auf die Rechtschreibreform beim nutzlosen Versuch des Philosophie-Lehrers, dem tumben Jourdain Sprachunterricht zu geben, ernteten einen großen Lacherfolg.
[]: Das Streiflicht. Süddeutsche Zeitung, , s. 1
Die Rechtschreibreform, ja ja! […] Wie man mittlerweile weiß, hat die gute Absicht eine Missgeburt hervorgebracht, indem nur ein Teil der Neuerungen akzeptiert und richtig angewendet wird. Der andere Teil hingegen verursacht fortzeugend ständig neue Fehler – Fehler, die es vorher überhaupt nicht gab und die man auch gerne in die Büchse der Pandora zurückstopfte, wenn man nur wüsste, wie. Saudumm, die ganze Sache, wirklich Sau dumm.
: Die müden Reformer. Einst war Hessen die blühende Spielwiese sozialdemokratischer Bildungsreformer, aber seit vier Jahren weht durch die Schulen ein anderer Wind. Süddeutsche Zeitung, , Feuilleton
Vor allem die „Rahmenrichtlinien“ von 1972, mit denen die Regierung Lernziele statt Lehrpläne festschreiben wollte, riefen erbitterte Diskussionen hervor. Literatur würde damit in den Mülleimer geworfen, befürchtete der Historiker Golo Mann […]. Andere frohlockten, dass endlich die Rechtschreibung als Repressionsinstrument verschwinden würde.
: Schon für Duden gab es Kritik. Rechtschreibung war stets umstritten. Weser-Kurier, , Politik
Der Widerstand gegen die Rechtschreib­reform in den 90er Jahren hat Klaus Heller nicht überrascht. Das sei auch vor 100 Jahren nicht anders gewesen […]. Nach Angaben der Zwischen­staatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung erscheinen mittlerweile 80 Prozent der neu verlegten Bücher in der neuen Rechtschreibung. "Jenseits aller heißen Debatten und scharfen Polemik haben vor allem nach der Umstellung der deutsch­sprachigen Presse die Leser und Schreiber erkannt, dass die Neuregelung im Schriftbild kaum Auswirkungen hat", sagt Heller.

2002-12-26

Kalenderblatt: Freitag 27. Dezember 2002. Thüringer Allgemeine, , Thüringen
In der Eisenacher Zeitung war vor 100 Jahren zu lesen: Nachdem zwischen den Bundes­regierungen Vereinbarungen über die Einführung einer einheitlichen Rechtschreibung getroffen worden sind, ordnen wir hiermit an, daß vom 1. Januar 1903 alle Behörden des Großherzogthums sich im amtlichen Verkehre und bei amtlichen Veröffentlichungen der neuen Rechtschreibung bedienen. Maßgebend für diese Rechtschreibung sind die im Weidmannschen Verlage Berlin erschienenen "Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis".

2002-12-24

: Eine Limo zu viert. Hildebrandt liest Sammy Drechsel. Stuttgarter Zeitung, , Sport
In Sammy Drechsels Jugendbuch "Elf Freunde müßt ihr sein" (der Titel wird respektvoll in alter Rechtschreibung gesetzt) ist das Damals auf jeden Fall sehr lange her, was man unter anderem an der Bagatelle merkt, dass sich vier Buben im Lokal eine einzige Zitronenlimonade teilen, während sie auf einen Freund warten; mehr ist einfach nicht drin.

2002-12-23

: Willkür in den Worten. Die Rechtschreibreform und das Recht. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 298, s. 8, Politik, Die Gegenwart
Wenige Lebensbereiche sind von dieser Primitivierung der Sprache so unmittelbar und einschneidend betroffen wie das Recht, die Juris­prudenz und alle juristischen Berufe. Es bleibt eine Schande für unseren Berufsstand, dieses Übel nicht früher erkannt und nicht leiden­schaftlicher bekämpft zu haben.

Der professor emeritus führt uns auf einer vollen FAZ-seite eine wahre apokalypse vor augen: Die sprache verfällt, die kultusminister verüben einen staatsstreich — und die hüter von recht und kultur schlafen. Siehe stellungnahme.

neu : Premiere ist im Februar. „Roßstall“ studiert derzeit neues Schmitt-Stück ein. Süddeutsche Zeitung, SZ-Landkreisausgabe Fürstenfeldbruck, , s. R5, Fürstenfeldbruck (232 wörter)
Viele Feiern unterschiedlichster Gruppen finden im „Roßstall“ statt – jener Theater- und Veranstaltungseinrichtung in Germering, die auch über die Rechtschreibreform hinaus ihre Namensschreibweise beibehalten hat.

2002-12-22

neu : Karrengetöffel, Todtenbeine. Gottfried Kellers Werk wird historisch-kritisch neu ediert. , (2241 wörter)
Der "Nahme" Gottfried Keller ist eines der schlagendsten Beispiele dafür, was orthografische "Modernisierung" heißt und wie relativ diese "Kathegorie" ist. […] Die Kellersche Orthografie-Chaotik ist in der Tat so unterhaltsam wie instruktiv. Schon seit der Mitte des Jahrhunderts sah sich Keller zum Beispiel mit den Abgründen des Dehnungs-h bei langen Vokalen konfrontiert. Bei "Muth" und "Gemüth", "Fluth" und "That", "nahmentlich" aber beim "Urtheil" sollte es gestrichen werden. Und Keller war im Prinzip reformierten Willens. Um keinen Preis jedenfalls wollte er "den Augen des aufwachsenden Geschlechtes als zopfig und ungeschickt erscheinen" […]. Aber das alte Dehnungs-h war noch in ihm und drang mit der Macht der Gewohnheit, die der "augenblicklichen Eingebung" des Poeten Gesetz und Regel gab, in seine Niederschriften ein. Freilich war auch eine gehörige Portion Gleichgültigkeit, ja, eine klammheimliche subversive Freude am Regelwidrigen mit im Spiel, zumal bei den Mysterien der Groß- und Kleinschreibung, wenn der Schreiber sah, dass er unversehens wieder einmal unreformiert geschrieben hatte. Es gibt eben kein wahres orthografisches Leben im valschen.

2002-12-21

: Wörterbuch. Bruch. Frankfurter Rundschau, , Deutschland
Die deutsche Sprache ist voller Brüche — und das nicht erst seit der Rechtschreib­reform.
: Von "Lache Bajazzo" bis "Wein nicht, Argentinien". Dirk Böttgers Theatergeschichte nach Noten. Die Presse, , Spectrum
Der Theater­wissenschaftler […] bedient sich einer angenehmen Sprache ohne jeden Schwulst und nach der alten Rechtschreibung.

2002-12-19

: Die Idee kam kurz vor Mitternacht. Eine Preisträgerin erzählt, wie sie 125 Euro kassierte. Saarbrücker Zeitung, , Völklingen
Mit sieben Jahren habe ich meine ersten Geschichten geschrieben. Mit der Rechtschreibung nahm ich es nicht so ganz genau, und die Themen waren auch nicht abwechslungsreich.

Aufschlussreich ist die reihenfolge.

2002-12-18

neu : Zuwanderung im Kaffeesatz. Entscheidung in Karlsruhe. Frankfurter Rundschau, , s. 4, Deutschland, Im Blickpunkt (455 wörter)
Es ist nicht neu, dass über zu erwartende Karlsruher Urteile spekuliert wird, und zwar häufig durchaus zutreffend. Gar manches Mal ist über Richter und Mitarbeiter am Gericht schon etwas "durchgesickert". […] Vorzeitig bekannt wurde auch, dass das Gericht die Rechtschreibreform als verfassungsgemäß beurteilen würde. Die Vorberichte führten übrigens dazu, dass die klagenden Eltern ihre Verfassungsbeschwerde kurz vor der offiziellen Entscheidung zurückzogen. Das konnte die Richter an der Urteilsverkündung aber nicht mehr hindern.

2002-12-17

: Indigniertes Schweigen. Die Vorabveröffentlichungen des vermuteten Urteils lösten heftige politischen Diskussionen aus — nur Karlsruhe hielt still. Süddeutsche Zeitung, , Politik
In den vergangenen Jahren nahmen solche teils richtigen, teils falschen Vorab­veröffentlichungen wieder zu. Mal ging es um Überhangs­mandate, mal um Rechtschreib­reform oder Wehrpflicht.
: Was macht eigentlich ...die Morgenpost? Widerstand leisten. die tageszeitung, taz Berlin, , nr. 6932, s. 22, Berlin Aktuell
"Die Berliner Morgenpost wird an dem alten Namen Lehrter Bahnhof festhalten." Basta. Das kann sich ziehen, weiß man seit der Rückkehr der FAZ zur alten Rechtschreibung.
: Der Ulk Ulf. Thüringer Allgemeine, , Eisenach
Kabarettist Ulf Annel schwängerte leiden­schaftlich eine berauschte Zuhörerschaft. […] Und Annel fuhrwerkt gnadenlos weiter durchs Programm, lässt keine Federn an niemandem und äußert sich über die rustikale Rechtschreib­reform, die böhmische Flugente mit fünf Buchstaben, also Papst, dann die in ganz Thüringen solidarisch verstreuten Schluchten­dialekte.
: Politische Buchstaben. Glosse. Die Welt, , Kultur
Es geht um ein Gesetz, das die Duma akzeptiert hatte, gegen das aber nun die Vertreter Kareliens und Tatarstans protestieren. Es dekretiert nämlich, dass es in der russischen Föderation nur ein Alphabet geben soll: das kyrillische. […] Duma wie Föderationsrat bescherten Präsident Putin damit wieder einmal ein Problem, bei dem er nur das Gesicht verlieren kann. Unterschreibt er das Gesetz, bricht er die Verfassung. Lehnt er es ab, hat er beide Kammern brüskiert.

2002-12-16

: Am Wähler vorbei. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 292, s. 8, Briefe an die Herausgeber
Die Leitglosse "Eine Revision" […] weist zu Recht darauf hin, daß die Entscheidung über die Aufnahme der Türkei in die EU jetzt schon gefallen ist. […] Die Politik in Deutschland verliert in den Augen der Bevölkerung die Legitimität. Die Politik veränderte in den letzten Jahren die Sprache mit der umstrittenen Rechtschreib­reform. Die Währung wurde gegen den bekannten Mehrheits­willen verschlechtert.
: Der Mann hinter dem Ermittler. "ABC und du bist raus": Der Dudweiler Autor Axel Herzog hat seinen dritten Drei-Euro-Roman in der Tasche. Saarbrücker Zeitung, , lokalausgabe Saarbrücken
Schließlich sind es drei Lehrer des Ludwigsgymnasiums, die bei der Diskussion in der Saarbrücker Kneipe "Feuchter Ludwig" über die Rechtschreib­reform unserem Privatdetektiv die zündende Idee zum Dechiffrieren der geheimnisvollen Briefe geben.
: Der Rechtschreib-Rebell resigniert. Deutschlehrer Friedrich Denk will nicht mehr kämpfen; heute 60. Geburtstag. Süddeutsche Zeitung, Landkreisausgabe Starnberg, , s. R1, Politik (221 wörter)
Als erbitterter Gegner der Rechtschreib­reform wurde der Studiendirektor in den 90er Jahren bundesweit bekannt. […] Den Kampf für eine bessere deutsche Sprache hat er aufgegeben, denn es lohne sich nicht, „gegen Windmühlen zu kämpfen“. Voraus­gegangen waren neben der von ihm initiierten „Frankfurter Erklärung zur Rechtschreib­reform“ unzählige Anzeigen in Zeitungen und Protest­aufrufe. Mehrere 10000 Mark hat er dafür investiert.
: Geburtstagsgedicht für Friedrich Denk. , (350 wörter; ganzer artikel)
Bei der Feier zum 60. Geburtstag von Friedrich Denk […] trug Hans Krieger folgendes Gedicht vor: […] Der Schreib­reformer-Klüngel kriegt die Kränk, / erblickt er Sie, greift schlotternd ans Gemächt sich / und alpträumt, daß man bald mit Fug ihn henk’, / zumindest in den Orkus ihn versenk’. / Die feige Bande ängstigt ganz zu Recht sich, / denn wer die Sprache schändet, der erfrecht sich / nicht lange ungestraft: der Frevel rächt sich.

2002-12-13

: Macht und Ohnmacht. Appenzeller Zeitung, , nr. 291, s. 61, Leserbriefe
Die Dudenredaktion in Mannheim zeichnet verantwortlich, dass die Rechtschreibung in geordneten Bahnen ausgeübt wird. Professoren, Lehrer, Schüler und Familien sowie die ganze Deutsch sprechende Bevölkerung ist damit eingebunden. Vor wenigen Jahren setzte die Duden­redaktion Reformen in Kraft. Erst in der Anwendung wurden Unzulänglich­keiten festgestellt und als Folge regte sich Widerstand.

Oder umgekehrt: Der widerstand war schon immer da, und die kompromisse führten zu unzulänglichkeiten. – Übrigens lässt diese stimme aus dem volk erkennen, dass in der Schweiz rechtschreibung und duden synonyme sind und eine reform nicht zu einem legitimations­problem des dudens hätte führen müssen.

7. 12. 2002

: Unklare Erinnerungen an Ulm. Schwäbische Zeitung, , Ulm
In seinem Briefkasten findet Peter Härtling täglich einen dicken Stapel Kinderbriefe. Seit nunmehr 30 Jahren. Und neuerdings in der aller­neuesten Rechtschreibung.

Wer hätte das gedacht!

: Ich muß Frau Grammatica gehorchen! Der große Betrug: Eine Münchner Diskussion zur Rechtschreibreform. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 283, s. 34, Feuilleton
In der Bayerischen Akademie der Schönen Künste diskutierten am Dienstag Literaten und Pädagogen über die neue Rechtschreibung. Den Anfang machte Reiner Kunze, der aus seiner Denk­schrift "Die Aura der Wörter" las. […] "J'accuse!" rief der Literatur­wissenschaftler und Lyriker Peter Horst Neumann und rief zur fort­dauernden öffentlichen Empörung auf. Wie kann man das Falsche betreiben, obwohl man weiß, daß es falsch ist? Der Literaturkritiker Albert von Schirnding nannte das schlicht kriminell.

Es ist schön, wenn man so genau weiss, was richtig ist und wem man gehorchen muss. Wir wissen natürlich auch, was richtig ist, aber vielleicht nicht ganz so schlicht.

2002-12-04

: Reiner Kunze in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. , (832 wörter)
Die Veranstaltung der Bayeri­schen Akademie der Schönen Künste mit Reiner Kunze, Hans Krieger, Wolfgang Illau­er, Peter Horst Neumann, Herbert Rosen­dorfer und, als Moderator, Albert von Schirnding ist vor wenigen Stunden zu Ende gegangen. Was dort statt­gefunden hat, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vor­zustellen getraut. […] Wir dürfen uns niemals mit dieser demokratischen und intellektuel­len Bevormundung und Demütigung abfinden! Und: Es werden weitere Ver­anstaltungen dieser Art und öffentliche Ver­lautbarungen unter­schiedlichster Art folgen, die Talibane in Mannheim, Berlin und in den Kultus­behörden werden keine Ruhe finden!

2002-12-03

neu Ausstellungen und Museen. Süddeutsche Zeitung, , s. 42, Bayern, München (795 wörter)
Literatur. Die Aura der Wörter. Zur neuen Rechtschreibung. Lesung von Reiner Kunze; Referat Hans Krieger „Selbstdemontage der Rechtschreibreform“; Diskussion mit Reiner Kunze, Hans Krieger, Wolfgang Illauer, Peter Horst Neumann und Herbert Rosendorfer; Moderation Albert von Schirnding, 19 Uhr, Akademie der Schönen Künste, Max-Joseph-Pl. 3.

2002-11-29

neu : WALTERSWOCHENENDE. Frankfurter Rundschau, , Kulturspiegel (744 wörter)
geneigte leser: dieser text ist in kleinschreibung. wir müssen sparen! […] ladies, gents: that's it! der rest der rundschau geht mit groß- und kleinschreibung weiter!

2002-11-28

: Nur noch die kyrillische Schrift in Russland erlaubt. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 277, s. 9, Ausland
Der karelische Abgesandte sagte, dem kyrillischen Alphabet fehlten gewisse Symbole für Laute, die Bestand­teil der Sprachen von mehreren Völkern in der Föderation seien. Die Verabschiedung des Gesetzes werde autochthone Sprachen zerstören. Unangenehm ist das neue Gesetz, falls es von Präsident Putin unterzeichnet wird, vor allem für Tatarstan, wo ein Republiks­gesetz zur Umstellung auf ein modifiziertes lateinisches Alphabet bereits in Kraft getreten ist.
neu : Stadion statt Bücher. Süddeutsche Zeitung, , s. N2, München, Leserbriefe (157 wörter)
In fetten Zeiten wurde geprasst und Geld für eine Rechtschreibreform ausgegeben, die so sinnvoll ist wie ein Kropf. Die Finanzierung der rechtschreibreformierten Schulbücher stellte offenbar kein Problem dar. Heute könnten sinnvoll neue Bücher angeschafft werden.

2002-11-23

: Mit dem Rheinschifferpatent das Trockendock angesteuert. Haupthafenmeister Friedrich Müßig geht in den Ruhestand. Mannheimer Morgen,
Die Schifffahrt kennt Friedrich Müßig aus dem "effeff" — und genau so schreibt er sie weiterhin: "Nach wie vor nur mit zwei f". Da ist der langjährige Chef der Hafenmeisterei im Haus Oberrhein nicht mehr umzustimmen: Die neue Recht­schreibung nimmt er — zumindest in diesem Fall — nicht ins Boot.

2002-11-21

: Umwegsanierung. Schulbücher und -tickets werden teurer. Neue Ruhr/Rhein Zeitung,
Die von Innenminister Fritz Behrens (SPD) geplante Staffelung nach Einkommen fällt weg […]. Behrens sagte, dass nach der Rechtschreib­reform und der Einführung des Fachs Englisch allein an den Grund­schulen der Schulbuch­bestand komplett erneuert werden müsse.
: Der lange Weg des Konsuls zur Hauptfigur. Blicke hinter die Fassade eines Jahrhundertromans: Die "Buddenbrooks" sind im Urtext und mit Kommentarband erschienen. Stuttgarter Nachrichten, , Kultur
[…] in der Fassung des Erstdrucks, der einzigen von Thomas Mann korrigierten, von der dann alle folgenden abwichen bis hin zu jüngsten Ausgaben mit dem Etikett "In neuer Rechtschreibung". […] Nun muss die Literatur­geschichte nicht gleich um­geschrieben werden, weil man uns jahrzehntelang das "Privatbüreau", die "Roccoco-Façade" und den Plural "die Bursche" vorenthielt zugunsten von "Privatbüro", "Rokoko-Fassade" und "die Burschen". Aber es wurden ja nicht nur drei, sondern hunderte solcher Details im Laufe der von Mann nicht mehr durch­gesehenen Ausgaben verschliffen. Es sind Feinheiten, die neben den im Roman beschriebenen Zeit­läuften auch jene Zeit spiegeln, in der der Text entstand. Von einigen Schreib­weisen hat sich Mann selbst noch auf dem Weg vom Entwurf zum Korrektur­abzug getrennt, etwa von "Hülfe" und dem "C" der "Consulin", aber die "Thür" fällt bei ihm, zwei Jahre vor der Reform von 1903, noch mit hohlem "h" ins Schloss, und ein Messer ist so "grifffest" wie offizieller­weise erst wieder seit der Reform von 1999. Das alles sind Farben, die nicht etwa Patina erzeugen, sondern den Text konkreter werden lassen.

2002-11-20

: Komm raus! Ronald M. Schernikaus Debüt von 1979 wurde im Konkret Literaturverlag neu aufgelegt. junge Welt, , Feuilleton
Als Ronald M. Schernikau sein Debüt 1979 an den »Rotbuch«-Verlag schickte, wollte die Lektorin nicht glauben, daß der Autor gerademal so alt war wie sein Protagonist, nämlich Abiturient. Zu gekonnt wirkte das alles, durchgehend ohne Absatz in Klein­schreibung verfaßt, atemlos geschrieben, zugleich aber pointiert formuliert.

2002-11-19

: "Leckt's mich..." Frankenpost, , Kultur
Seit 25 Jahren gibt es die bayerische Folklore-Band Schariwari. […] In der Region hört und sieht man sie immer wieder gern, wenn sie in der Vorweihnachtszeit mit dem Mystical "Bayerische Rauhnacht" tourt ("Raunacht" müsste es jetzt eigentlich heißen, das gebietet die Rechtschreib­reform).

2002-11-18

: Dümmer, als die Feuerwehr erlaubt. Neue Ruhr/Rhein Zeitung, , Düsseldorf
"Wir haben schon die Leistungs-Anforderungen zurückgeschraubt", sagt Heinz Engels, Sprecher der Feuerwehr. Woran die meisten Bewerber scheitern: nicht nur am Praxis-Test, sondern an Rechnen und Recht­schreibung.
neu : Erosion der Dialektinseln. Vereinsgründung zur Rettung des Bairischen. Süddeutsche Zeitung, SZ-Landkreisausgabe Ebersberg, , s. R4, Ebersberg (304 wörter)
[…] und viele dieser Wörter sind heute nicht mehr im Sprachgebrauch, teilweise auch nicht mehr verständlich, denn Sprachen sind dauernden Veränderungen unterworfen – die jüngste Rechtschreibreform bestätigt dies.

2002-11-15

: Von Finnland was lernen? Die Rheinpfalz, , Ludwigshafen
Thelma von Freymann, früher akademische Oberrätin finnischer Herkunft am Institut für angewandte Erziehungswissenschaft und allgemeine Didaktik an der Universität Hildesheim, hielt gestern im Heinrich-Pesch-Haus einen Vortrag mit dem Thema "Was kann Deutsch­land vom Sieger Finnland lernen?" Finnland belegte nach der Pisa-Studie Platz eins, Deutschland Platz 21 unter 31 nach den Schulleistungen verglichenen Ländern. […] Es gibt eine Reihe Faktoren. Finnland hatte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die geringste Zahl von Analphabeten. Finn­land hat lange, kalte dunkle Winter, in denen viel gelesen wird. Die finnische Orthographie, nht die Grammatik, ist unver­gleichlich viel leichter.

2002-11-14

: Rosenkrieg ohne Sieger. Im „unterhaus“: Das Duo Sydow/Thomas und Stephan Krawczyk. Allgemeine Zeitung, Main-Rheiner,
Während der Eskimo allein 30 Wörter für weiß hat, schöpft Krawczyk aus 80000 Wortschöpfungen („Rechtschreib­reform“), die der runderneuerte Duden anbietet.

2002-11-13

: Kostprobe macht Lust auf mehr. Närrische Generalversammlung des MCV mit schwungvollem Programm. Allgemeine Zeitung, Main-Rheiner,
Ein von Jürgen Dietz im Anschluss an die Rechtschreib­reform getextetes Publikumslied fehlte ebenso wenig wie das Motto­lied "Denkmal ... drüber nach" von Karl-Heinz Werner.
neu : Der Flohmarkt im Klassenzimmer. Andenken an die Schulzeit: Lenggrieser Lehrer verkaufen alte Bücher. Süddeutsche Zeitung, SZ-Landkreisausgabe Bad Tölz, , s. R3, Bad Tölz (282 wörter)
Zuerst die Rechtschreibreform, dann die Euro-Umstellung und jetzt noch eine neue Normschrift: Immer wieder müssen die Schulen ihre Unterrichtsmaterialien anpassen. Angesichts leerer Kassen allerorten stellt das die Schulen immer wieder vor Probleme. […] Die Lenggrieser haben so lange wie möglich mit Neuanschaffungen abgewartet, wohlwissend, dass nach der Rechtschreibreform weitere Änderungen auf sie zukommen.
: Schmerzensgeld für Penner. Thüringer Allgemeine, , Eisenach
Nein, beteuert Harry Rowohlt immer wieder. Mit dem gleich­namigen Verleger habe er nichts zu tun. […] Vor allem lebt der bekennende Gegner der Rechtschreib­reform, der nach eigenem Bekunden die Innen­räume einer Universität für ganze zweieinhalb Stunden betreten hat und nicht einmal bis zur Mensa durch­gedrungen ist, fast aus­schließlich von einer vergleichs­weise seriösen Tätigkeit, der belletristischen Über­setzung von amerikanischer Literatur ins Deutsche.

2002-11-12

: Der neue Präsident will Kluften überbrücken. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 263, s. 44, Feuilleton
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem Historiker Christian Meier, der der Akademie vor allem durch die Diskussion um die Rechtschreib­reform Profil zu geben vermochte, will Reichert der Institution in literarischer Hinsicht mehr Gewicht verleihen, indem er die schrift­stellernden Mitglieder, die gegenüber der eloquenten professoralen Über­macht zuletzt etwas ins Hinter­treffen geraten waren, mehr einbezieht.

2002-11-11

: In König Harrys Reich regiert Sprachwitz. Fürther Nachrichten, , Kultur
Schmerzlich vermisst wird seine inzwischen eingestellte Zeit-Kolumne "Pooh’s Corner", von der er drei Beispiele zum Besten gibt. Da geht es um leicht veraltete Themen wie die Atom­versuche am Mururoa-Atoll oder die Rechtschreib­reform. Rowohlt ist sowieso ein absoluter Sprachpurist.

2002-11-10

: Schüler scheitern. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, , nr. 45, s. 8, Politik
Zu "Deutsche Sprache — fremde Sprache" von Hans Riebsamen (27. Oktober): Alle Bemühungen um eine Steigerung der Lese­kompetenz unserer Schülerinnen und Schüler werden mit Sicherheit scheitern, solange die Kultus­minister sich nicht ent­schließen können, die unsägliche Rechtschreib­reform vollständig zurück­zunehmen.

2002-11-08

neu : Zé do Rock in der Taufkirchner Gemeindebibliothek: De Brasilo, de siegfriedisch spricht. Süddeutsche Zeitung, SZ-Landkreisausgabe München-Land-Süd, , s. R6, Feuilleton (466 wörter)
Ultradoitsh, das war Zé do Rocks radikaler, aus der unbestechlichen Außensicht des Fremdspachigen geborener Entwurf einer sich Schritt für Schritt steigernden Reform der deutschen Sprache. Das traf kurz vor der umstrittenen Rechtschreibreform einen wunden Punkt, und war umso erfolgreicher, weil es nicht bierernst daherkam, sondern als die überkandideltste anarchische Sprachspielerei seit Mark Twains „Über die schreckliche deutsche Sprache.“ Inzwischen ist die Rechtschreibreform Geschichte, doch dass Zé do Rocks sprachliche Eskapaden so heiter, frisch und schlüssig wie eh und je wirken, davon konnte man sich am Dienstag Abend bei einer Lesung in der Gemeindebibliothek Taufkirchen überzeugen.

2002-11-07

: Fetzen aus dem Himmelszelt. Autor und Liedermacher Stephan Krawczyk im Keller-Kunst-Keller. Allgemeine Zeitung, Main-Rheiner,
Sehr belustigt war das Publikum von einer Kurzgeschichte aus seinem neuen Buch mit dem Titel „My unfair Lady“, ein Dialog zwischen Mann und Frau über das Essen oder über die Rechtschreib­reform, dargestellt an dem Wort Kuss und was daraus geworden ist.
: Zwischenruf. Der Kreis tanzt im Kreis zwischen alter und neuer Rechtschreibung. Bergische Landeszeitung, , Bergisches Land
Gut, wir haben immer noch alle […] Probleme mit der Fantasie, dem Delfin […] und dieser duseligen Doppel-S-Regelung. […] Aber der Rheinisch-Bergische Kreis? Diese vorletzte Instanz des Staates auf der kommunalen Ebene — den juckt die staatliche Anordnung vom 1.August 1998, mit der uns allen die neue Recht­schreibung verodnet wurde, nicht die Bohne […]. Der Kreis schippert auf seiner Internet­seite zwischen "ß" und "ss" (läßt, lässt) hin und her und vergisst beim 64-Jährigen den Bindestrich. Und noch schlimmer: Im Heider'schen Heimat­kalender […] lässt er "seine" Redakteurin Ursula Schmidt-Goertz — bis auf ein paar Ausrutscher — in der alten Recht­schreibung agieren. […] Die Redakteurin schmunzelte bei der Vorstellung des Buches: Ja, sie habe die alte Recht­schreibung in die Autorenbeiträge hinein­redigiert. Der Fragesteller solle mal abwarten: In zehn Jahren sei die Phase der neuen Recht­schreibung vorbei. Und übrigens: Bedeutende deutsche Schrift­steller zeigten der neuen Rechtschreibung doch auch die kalte Schulter. Upps! Willkommen im Club der (un)toten Dichter!
: Indiskretion oder nur Spekulation? Meldungungen über das noch nicht gesprochene BVG-Urteil schaffen Unruhe. Neue Ruhr/Rhein Zeitung, , Politik
Auch in der Vergangenheit gab es gelegentlich Indiskretionen, zuletzt vor der Wehrpflicht­entscheidung im Frühjahr, davor beim Urteil zur Rechtschreib­reform 1998.

2002-11-06

: Da ist Fraktur in meiner Buchstabensuppe! Vom ungeliebten Entelein im Alphabet, dem ß. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 258, s. 39, Stil
In die Antiquaschrift scheint das "ß", das im romanischen Fundus nicht vorkam, aber im Deutschen erforderlich war, um 1800 als Fraktur-Anleihe gelangt zu sein. Ein Trojanisches Pferd, doch die Krieger waren müde, sie krochen nicht hervor, um die Antiqua-Traditionalisten zurück­zuschlagen. Im Gegenteil, der verbogene Sonderling lebt heute in Reservaten hinter langen Vokalen und wird möglicherweise eines Tages (wenn das Latein am Ende ist) auch dort noch wegreformiert.
: Wieso ist das Weib sächlich? Thüringische Landeszeitung, , Erfurt
Ein "flotter Dreier" ist bei Z-é do Rock was anderes als landläufig angenommen. Er meint damit die Wichtigkeit der neuen deutschen Rechtschreibung bezogen auf drei aufeinanderfolgende Konsonanten. Beispiel: Suff-Alte (eine Alte, die säuft — zwei f) und Sufffalte (eine Haut­falte, die man vom vielen Saufen bekommt — drei f).

2002-11-04

Rettet den Spaß! Der "Merkur" sorgt sich um die westliche Lachkultur. Stuttgarter Zeitung, , Kultur
Der "Merkur" wäre nicht Deutschlands führende Kultur­zeitschrift, wenn er sich seinem Thema nicht systematisch und historisch mit deutscher Gründlichkeit widmen würde, übrigens unbeirrt in der alten Recht­schreibung.

2002-11-03

: Jugendliches Gelb. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, , nr. 44, s. R3, Kultur
Interessant Rang 22: der Rechtschreib-Duden. Erstaunlich die von Käufern dieses Standardwerkes vorgenommene Bewertung: durch­schnittlich drei Sterne. Wurden Rechtschreibfehler gefunden? Mißfiel der Wortschatz? Für den Rechtschreib­reform-Kritiker Professor Theodor Ickler ("völlig neu und sehr überraschend die Groß­schreibung bei heute Früh") ist das Buch "leider unbrauchbar". Ein Stern. Eine Kundin aus St. Blasien im Schwarz­wald meint dagegen, "man kann dieses Standard­werk der deutschen Sprache nicht genug loben. Fünf Sterne sind hier fast zuwenig."

2002-11-02

: Die Wiedergeburt eines Klassikers. Saarbrücker Zeitung, , Saarlouis
Aus dem TV Haßloch wurde nach Fusion und Rechtschreib­reform die TSG Hassloch, derzeit Tabellen­zweiter.

11. 2002

: Gegen den Strom. Totalschaden. neue musikzeitung, , 51. jg., 11/02, Berichte
Das deutsche Feuilleton hat soeben seinen Geist aufgegeben. Es verschied nach langem Siechtum und hinterlässt nun Millionen degenerierter Leser, die mit den Stempeln „PISA“ und „Rechtschreib­reform“ bereits vorher schon deutlich in ihren Zeugnissen gekenn­zeichnet wurden. […] Dieter Bohlen auf der Frankfurter Buchmesse. Und natürlich vorher seiten­weise in der BILD-Zeitung. Und jeden Tag im TV-Boulevard bei RTL. Und nun auch noch im deutschen Feuilleton.

2002-10-31

: Die fränkische Putze. Andrea Lipka begeisterte in Spalt mit ihrem Kabarettprogramm. Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung,
Andrea Lipka als fränkische Putze Elfriede Rumpler macht sich spritzig und äußerst temperamentvoll über menschliche Schwächen her. […] Sie ärgert sich über unzählige fehlgeschlagene Versuche, abzunehmen, regt sich auf über die Unfähigkeit von Sachbearbeitern im Landratsamt, und bemerkt ganz nebenbei, dass die fränkische Sprache eigentlich die Endstufe der deutschen Rechtschreibreform ist.

2002-10-30

: Jahrhundertwein oder Essig? MotzArt in der Endenicher Springmaus. Bonner General-Anzeiger,
Christian Wallners Sternbild ist "Lachsersatz" mit Aszendent "falscher Hase". Das seltene Wesen […] lässt kein gutes Haar an Zeitgeistströmungen, wie der "Postmoderne" und ihren Auswüchsen. So belächelt er böse die biederen "Madrigale des Augenblicks", die er in Volksweisheiten erkennt, und stellt sich zur Rechtschreibreform die Frage "Komma oder Koma?".

2002-10-29

: «Alles hohl da unten.» Büchnerpreis an Wolfgang Hilbig. Basler Zeitung, , nr. 252, s. 45, Feuilleton
Die Nachricht vom Tode Siegfried Unselds hatte schon die Runde gemacht, und man durfte von der Akademie einige angemessene Worte zum Tod des legendären Verlegers erwarten. Statt mit einer Verneigung vor dem grossen Toten begann Meier die Feier­stunde mit Prahlereien über den vermeintlich heroischen «Kampf» der Akademie gegen die Rechtschreib­reform. Ohne Gespür für die intellektuelle Dimension von Debatten verglich Meier das hysterische Gezänk um die Rechtschreib­reform mit der «Schlamm­schlacht» des Historiker­streits: «Der Historiker­streit war angenehmer.» Es blieb dem deutschen Bundes­präsidenten Johannes Rau vorbehalten, die peinliche Verblendung Meiers durch einige würdige Gedenk­worte zum Tod Unselds zu kompensieren.

2002-10-28

: Das Geheimnis im Keller. Einsamer Schriftsteller — einsamer Leser: Wolfgang Hilbig erhielt in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis. Badische Zeitung,
Allein: Der scheidende Akademiepräsident Christian Meier zog es vor, wieder einmal über den nun schon sechs Jahre und ohne sichtbaren Erfolg währenden Kampf seiner Institution gegen die Rechtschreib­reform zu berichten. Kein Wort über Unseld.
: Vom universellen Laster des Alleinseins. Die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung verleiht Wolfgang Hilbig den Georg-Büchner-Preis und Klaus Heinrich den Sigmund-Freud-Preis. Frankfurter Rundschau, , 58. jg., nr. 250, s. 14, Feuilleton
"Jenseits von Pisa" hieß das Motto der Herbsttagung der Akademie […]; und Meier, stets ein Gegner der Rechtschreibreform, verkündete, die Akademie habe einen Kompromissvorschlag erarbeitet, damit es in Deutschland "wieder eine einheitliche und vernünftige Rechtschreibung" gebe. Das klingt spontan überzeugend, überzeugender jedenfalls als der gewagte Vergleich: "Der Historikerstreit war angenehmer."
: Schläfrig in Darmstadt. Die Deutsche Akademie lässt sich bei ihrer Herbsttagung auch durch die Nachricht von Unselds Tod nicht aufschrecken. Die Welt, , nr. 251, s. 27, Feuilleton
Ein Beispiel für die habituelle Trägheit dieser Akademie bot der Rückblick Meiers auf seine Arbeit als Präsident. Die hatte er zu einem großen Teil dem — erfolglosen — Kampf gegen die umstrittene Rechtschreibreform gewidmet. Auf Nachfragen musste er eingestehen, dass der Kampf erst mit seiner Amtsübernahme und also nach offizieller Verkündung der Reform aufgenommen worden ist. An der Akademie, die von sich behauptet, für Sprache zuständig zu sein, sind also die jahrelangen Vorarbeiten zu diesem massiven politischen Eingriff in die Sprache samt Staatsvertrag mit Österreich und der Schweiz unbemerkt vorübergezogen. Nie ist die Akademie, bevor die Reform in Kraft trat, von sich aus aktiv geworden, nie wurde ein Brief, in dem man sie um Stellungnahme bat, in ihrer Poststelle gefunden. Kein Wunder, dass die Kultusminister wenig Lust verspürten, auf Proteste einer Akademie einzugehen, die sich erst zu Wort meldete, als das Kind längst im Brunnen war.

2002-10-27

: Von Manne Krug bis Costa Cordalis. Leipziger Volkszeitung,
Schon seit 1993 gibt es im Hotel "Drei Rosen" ein Buch, in dem sich jedermann verewigen kann. "Das gehört einfach dazu", meint Waltraut Lungwitz. Voll ist es zwar noch nicht, dafür haben sich aber schon zahlreiche Prominente eingeschrieben und Autogrammkarten signiert. Allerdings darf längst nicht jeder Hotelgast zum Stift greifen und einen Vers hinterlassen. "Wir müssen schon aufpassen, wer da kommt, schon allein wegen der Rechtschreibung." Schließlich soll das Gästebuch nicht vor Fehlern wimmeln.

2002-10-26

: Präsidentenwechsel. An der Deutschen Akademie folgt Klaus Reichert auf Christian Meier. Neue Zürcher Zeitung, , 223. jg., nr. 249, s. 61, Feuilleton
Im Streit um die Rechtschreibreform erhob die Akademie unter Meier ihre Stimme, auch zur Anglizismenflut bezog sie Stellung, jedoch blieben das ihre einzigen Voten von öffentlicher Bedeutung, und mit beiden kam sie reichlich spät.
: Notizen aus der Schrumpfgesellschaft. Bildungsdebatte: Zum Auftakt der Akademietagung zeichnet Christian Meier das Bild eines gelähmten Gemeinwesens. Darmstädter Echo, , Kultur
Mag sein, dass das Empfinden der Wirkungslosigkeit auch mit Meiers Amtszeit zu tun hat. Das gewiss ehrgeizigste Projekt des Präsidenten war der Versuch, die Rechtschreibreform zu verhindern. Zwar war er letztlich erfolglos, doch waren es Jahre, in denen die Akademie nach außen hin so rege wirkte wie selten zuvor.
: Darmstädter Akademie. Klaus Reichert zum Präsidenten gewählt. Frankfurter Rundschau, , 58. jg., nr. 249, s. 30, Kultur Rheinmain & Hessen
Hatte die 1949 gegründete Akademie […] in den vergangenen Jahrzehnten teilweise ein Schattendasein gefristet, verhalf ihr der Widerstand gegen die Rechtschreibreform zu neuer Blüte. […] Das Ergebnis der Reform sei eine "Steigerung des Chaos", so Meier, der mit seinem Protest unterlag: "Wir haben jetzt mehrere Rechtschreibungen in Deutschland."

Immerhin hat die reform das chaos nur gesteigert. Wer hat es denn verursacht? Vielleicht die alte rechtschreibung?

: Streiflichter der Woche. Schlagzeuger und Einkommenspiraten. Märkische Allgemeine,
Zu gut hat eine Druckerei die neue Rechtschreibung eingesetzt. Am Freitag wurde Bundespräsident Johannes Rau vom Verleger sein neues Buch "Dialog der Kulturen — Kultur des Dialogs" samt Weinflaschen mit dem Konterfei des Präsidenten überreicht. Beim Etikett der Flasche ist der Druckerei ein peinlicher Fehler passiert: An den Namen des Präsidenten wurde ein "h" angehängt — und offenbar hat's keiner gemerkt.

2002-10-25

: Nach dem Historiker ein Literat. In den sechziger Jahren Lektor beim Suhrkamp-Verlag. Darmstädter Echo, , Kultur
Reichert dankte Meier, unter dessen Ägide die Akademie wieder Profil gewonnen habe, namentlich mit Äußerungen zur Rechtschreibreform, deren Eingriffe in die Sprache damit der Öffentlichkeit bewusst geworden seien. […] Meier bekräftigte seine Ablehnung der Reform, bei der er „Dummheit am Werke“ sah und Unbelehrbarkeit seitens der Kultusministerkonferenz. Im Frühjahr soll ein Kompromissvorschlag der Akademie in Buchform vorgelegt werden, samt Listen, in denen die Worte in alter Schreibweise, in der ursprünglich neuen, in der inzwischen veränderten jetzigen sowie in der, wie sie die Akademie vorschlägt, dargestellt werden. Meier, leicht resigniert: „Ich hoffe, dass sich dadurch etwas bewegen lässt.“
: Klaus Reichert wird neuer Präsident der Sprach-Akademie. Frankfurter Neue Presse, , Kultur
Der scheidende Präsident Meier rechnete erneut mit den Kultusministern ab. Mit der Rechtschreibreform hätten sie in nie da gewesener Weise in die Sprachentwicklung eingegriffen. «Das ist ein Zeichen der Arroganz der Macht.» Das Ergebnis zeige, dass dabei große Dummheit am Werke gewesen sei. Durch die Verweigerung, die Reform zu reformieren, demonstrierten die Minister nun auch noch Unbelehrbarkeit. Meier gestand zu, dass die Akademie erst spät — mit seinem Amtsantritt 1996 — zur Rechtschreibreform Stellung genommen habe. «Das ist ein Versäumnis.» Allerdings habe es bereits zu diesem Zeitpunkt keine Gesprächsbereitschaft mehr auf der Gegenseite gegeben. Die Akademie werde im Frühjahr 2003 ihre Reformvorschläge in Buchform vorlegen. «Das ist unser Beitrag zu einem Kompromiss. Ich hoffe, dass sich dadurch noch etwas bewegen lässt», sagte Meier.
: Akademie kämpft weiter gegen Reform. Neue Ruhr/Rhein Zeitung, , Kultur
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung will weiter gegen die Rechtschreibreform kämpfen. Bei der Vorstellung des neuen Akademiepräsidenten Klaus Reichert in Darmstadt übte sein Vorgänger Christian Meier noch einmal harsche Kritik an dem Reformwerk. Im kommenden Februar werde die Akademie eine Liste mit etwa 1000 uneinheitlich geregelten Wörtern vorlegen.
: Sprache sollte beobachtet werden. Akademie-Präsident Meier warnt: Deutsch verliert verstärkt an Bedeutung. Sächsische Zeitung, , Kultur
Als zweites großes Thema seiner sechsjährigen Amtszeit nannte Meier den Kampf gegen die Rechtschreibreform: „Der aktuelle Zustand ist lästig. Jeder benutzt eine andere Rechtschreibung.“ Der Präsident bedauerte, dass sich die Kultusminister bislang allen vernünftigen Lösungen widersetzten. Lügen, Scheinheiligkeit und Ignoranz bestimmten die Debatte: „Es ist, als ob wir gegen eine taube Mauer reden würden.“ Die Akademie als unabhängige Institution werde sich jedoch weiterhin für eine vernünftige Lösung einsetzen und in Kürze ihre Vorschläge zur Reform der Reform veröffentlichen.
neu : Bunte Beete hinter betoniertem Stillstand. Stadtplan München: Die Hessstraße. Süddeutsche Zeitung, , Sonderseiten (467 wörter)
Gedrängt und feindlich starren sich die Fünfziger-Jahre-Mietshäuser in der Hessstraße an […]. Spott gibt es obendrein. Bei „Heßstraße“, der eigentlichen Schreibweise, da raunen viele: „Ohh, Rudolf Heß? Wie peinlich! […] Nein, nein, nein. Nicht Rudolf, sondern Carl Ernst Christoph Heß gab den Namen, Zeichner und Kupferstecher, Professor an der Akademie der bildenden Künste und von 1755-1828 unter den Lebenden. Er dürfte im Grab rotieren, denn der neuen Rechtschreibung zum Dank hat sie jetzt auch noch orthografisch etwas zischend Bedrohliches, die Hessstraße.
: "Amisiert Euch" mit der Zwickmühle. Westfalenpost, , Lennestadt
Mit "amisiert euch" wollen Lothar Bölck und Hans-Günther Pölitz nicht um unsere Lesekompetenz fürchten lassen, denn "amisiert euch" ist weder der Beweis für Platz 23 in der Pisa-Studie noch der Vorgriff auf die dritte Rechtschreibreform, sondern der Titel des 10. Programms der beiden Vertreter eines politisch-satirischen Kabaretts.

2002-10-24

: Akademie wählt Präsidenten. Heilbronner Stimme, , Kultur
Meier übernahm 1996 das Präsidentenamt der Akademie. Sein Name steht vor allem für den Widerstand der Institution gegen die Rechtschreibreform.

2002-10-21

: Neue Lese-Reihe mit Ultradoitsh. Thüringer Allgemeine,
"Leute, now wird es ernst! Das neue unwerk vo Zé do Rock "Deutsch gutt sonst Geld zurück"" is raus! Quick caufe go, bevor de buk-shoppy merkt, de buk is shrott!" — So kündigte der Brasilianer sein neues Buch an. Der Rechtschreibreform setzt er seine Linksschreibreform entgegen: Das Ultradoitsh. Zu erleben ist er Donnerstag 19.30 Uhr im Kirms-Krackow-Haus.

2002-10-20

neu : Wie kalt war der Deutsche Herbst? Der Tagesspiegel, , Dritte Seite (2156 wörter)
Vor 25 Jahren: Horst Bubeck bewacht die RAF-Gefangenen in Stammheim. […] Was die eigentlich wollten? Er hat das nie richtig verstanden. Sieg im Volkskrieg, gegen Vietnam, das ging ja noch. Der ganze Rest war dem Beamten „chinesisches Kauderwelsch“, die Verlautbarungen in penetranter Kleinschreibung vor allem.
: Linksschreibreform. Thüringische Landeszeitung, , Kultur
Unter dem Titel "Neue deutsche Literatur" stellen sich von Ende Oktober bis Anfang Dezember vier Autoren im Weimarer Kirms-Krackow-Haus vor, die in Brasilien, Bulgarien, Japan und Polen geboren sind und ihre Schreib- und Lebensgründe in Deutsch­land gefunden haben. Den Auftakt bestreitet am 24. Oktober, 19.30 Uhr, der Brasilianer Zé do Rock. Seine Lesungen sind kabarett­reife literarische Performances. Der Rechtschreib­reform setzt er seine Linksschreib­reform entgegen, das "Ultradoitsh".

2002-10-18

: Gewinner des Duden-Rätsels im "Rutheneum" geehrt. 13.07.2026Ostthüringer Zeitung, , Schleiz
Bei der Auswertung zeigte sich, dass diejenigen, welche in der Rechtschreibung umlernen müssen[,] größere Schwierigkeiten haben, als jene, die das Schreiben erst lernen.

2002-10-14

: Ein Plädoyer für die Freiheit der Autoren. Deutschstunde von Jost Nolte. Berliner Morgenpost, , Feuilleton
Ich will nicht das Gras vom allmählich überwucherten Streit um die neue Orthographie fressen. Aber da ist jemand in einem Manuskript von mehr als 450 Seiten tätig geworden und hat, ohne mich, den Autor, zu informieren, die Kommata umverteilt. […] Kampf um Korrektur der Korrektur? Ich werde wohl kapitulieren. Der Geist mannhafter Anti-Reformer beseelt mich nicht. Eher neige ich dazu, einiges für nützlich, anderes für überflüssig und nicht allzu viel für ärgerlich zu halten. Aber ich plädiere für die Freiheit der Autoren. Hat nicht Heinrich Heine geschrieben, wie ihm die Worte in die Feder flossen, und war nicht ein gewisser Goethe großherzig genug, es Sekretären zu überlassen, wie sie seine Werke zu Papier brachten? Das geschah bekanntlich, bevor Konrad Duden die Regelungswut einläutete.
: Authentische Bilder vertiefen die Lyrik der Worte. Ostthüringer Zeitung, , Greiz
Drei Bücher sind in jüngster Zeit von Reiner Kunze entstanden. […] In einem machte er sich Gedanken zur neuen Recht­schreibung, doch dieses spielte in der Lesung am Sonntag im Greizer Sommerpalais keine Rolle. Im Mittel­punkt stand sein neuestes Werk "Der Kuß der Koi" […].

2002-10-13

: Schwerarbeit beim Lesen. NZZ am Sonntag, , nr. 31, s. 79, Wissen
Legasthenie ist erblich — und gleichzeitig häufiger in England als in Italien: Wie geht das zusammen? Die Hirnforschung kommt der Sache auf die Spur. […] Denn unserem Hirn fällt das Lesen schwer. Die Schrift ist ein hoch künstliches System, dessen Beherrschung nicht angeboren ist. […] Das lässt sich sogar an den anatomischen Strukturen erkennen: Für die Sprache existieren klar definierte Zentren im Hirn — für Lesen und Schreiben gibt es nichts dergleichen. […] Im englisch­sprachigen Raum gibt es besonders viele Legastheniker. Wie eine letztes Jahr in der Wissenschafts­zeitschrift «Science» publizierte Studie nachgewiesen hat, liegt das nicht etwa daran, dass dort mehr Kinder mit Dyslexie geboren werden. Verantwortlich ist vielmehr die englische Sprache selbst. Sie macht es den Betroffenen schwer: Meist ist es ganz unmöglich, aus dem Geschriebenen die Aussprache abzulesen. Das Wort für Zunge wird «tongue» geschrieben und «tong» ausgesprochen, das gleich endende «argue» aber nicht «arg», sondern «argiu». […] Einfacher zu erlernen für Dyslexiker sind Sprachen, bei denen Aus­sprache und Schreibweise logisch überein­stimmen — zum Beispiel Italienisch oder Finnisch.

2002-10-10

: Die Eltern wurden "ver- und entwirrt". Heilbronner Stimme, , Kraichgau
Rund 50 Mütter und Väter mühten sich am Dienstagabend in der Kirchardter Grundschule mit der neuen deutschen Rechtschreibung ab, um ihren Kindern helfen zu können. […] Gar so schwierig sei die neue Recht­schreibung nicht. Zwar nicht immer logisch, "aber logischer als die Vorige".
: Abendliche Stromfahrten schon im Jahr 1854. Schweriner Volkszeitung, , Mecklenburg-Vorpommern
So berichtete die Leipziger Illustrirte Zeitung am 24. Juni 1854: "Bei lauem Wetter belebt sich der Strom und das Meer des Abends durch Boote, welche mit bunten Laternen illuminirt sind […]". Dem aufmerksamen Leser mögen hier nebenbei noch die altertümlichen Schreib­weisen "illustrirt" und "illuminirt" aufgefallen sein — sie waren 1902, anlässlich unserer ersten Rechtschreib­reform, jeweils mit einem "Dehnungs-E" ergänzt worden.

2002-10-09

: Omeggloset — Omegglueget. Appenzeller Zeitung, , nr. 235, s. 37, Appenzellerland
Ganz genau nahm es an der letzten Sitzung im Innerrhoder Grossen Rat Gewerbe­präsident Emil Koller. In einem Standes­kommissions­beschluss fand er ein orthographisches Haar in der Suppe. Süffisant stellte er die Frage, ob denn die Behörden nicht verpflichtet seien, die neue Recht­schreibung anzuwenden. Daraufhin sprach Land­ammann Carlo Schmid mit seiner ganzen Autorität als kantonaler Erziehungs­direktor ein kurzes, aber klares Machtwort: Nein!
neu : Vom geistigen Wert des Misserfolgs. In seiner Novelle "Das falsche Haus" spekuliert Michael Krüger und hat dabei einiges Glück. Frankfurter Rundschau, , s. 16, Literatur
Es ist unverzeihlich, dass es immer noch Autoren gibt, die schreiben. Und dies in einer Zeit, in der den Verlagen die Leser wegbrechen, in der die ohnehin schwache Lesekompetenz der Mittelstufler noch zusätzlich von den Folgen der Rechtschreibreform belastet wird, in der zwei von drei Schulanfänger dem Unterricht ohne zusätzliche Sprachförderung nicht folgen können und in der dem deutschen Schulsystem im Leistungsvergleich von 31 getesteten Industriestaaten ein Platz im unteren Drittel zugewiesen ist.
: Rückbau der Reform ist schon im Gange. Zum Artikel "Gesucht: Bücher in neuer Rechtschreibung" aus der "Saarbrücker Zeitung" vom 5. Oktober. Saarbrücker Zeitung, , St. Ingbert
Ein kleiner Trost: Die neue Rechtschreibung gibt es gar nicht mehr! Die Reformkommission arbeitet schon länger am Rückbau ihrer misslungenen Reform […].

2002-10-07

: Ein renommierter Sprachforscher. Prof. Dr. Eichinger ist neuer Direktor des Instituts für Deutsche Sprache. Rhein-Neckar-Zeitung, , Mannheim
In einer Feierstunde würdigte […] Wissenschaftsminister Professor Dr. Dr. h.c. Peter Frankenberg die Verdienste Stickels um das hohe Ansehen des Instituts im In- und Ausland. "Das IDS ist das Forschungs­zentrum für deutsche Sprache in Deutschland, das gleich­zeitig weit über den deutschen Sprachraum hinaus ausstrahlt und international hohes Renommee besitzt", betonte der Minister. […] Zu den Meilensteinen jüngster Zeit zählte der Minister nicht nur die bedeutende Rolle des IDS in der Diskussion um Rechtschreibreform und Einfluss des Englischen auf die deutsche Sprache, sondern auch die […] "Mann­heimer Erklärung" über die Rolle der Hochsprachen und der Mehr­sprachigkeit in Europa.

2002-10-05

: Gesucht: Bücher in neuer Rechtschreibung. Saarbrücker Zeitung, , St. Ingbert>
Die Rischbachschule hat eine Bücherei mit 1176 Büchern. Leider sind aber 1106 Bücher in alter Rechtschreibung.

Also 70 nicht in alter rechtschreibung. Davon vermutlich ein paar fremdsprachige, ein paar wenige in fraktur und vielleicht gar, was für die erweiterung des horizonts auch nicht schlecht wäre, ca. 1 in klein­schreibung oder sonst was altem oder neuem. Da bleiben in der tat nicht viele in neuer recht­schreibung.

: Unter Bayern. Süddeutsche Zeitung, , 58. jg., nr. 230, s. 44, Münche
Den Stängel sollen wir mit „ä“ schreiben, weil er von „Stange“ kommt, und „aufwändig“, weil es vom Aufwand kommt, aber dass der Schaffkopf vom Schaff, also dem Fass abstammt, auf dem unsere Vorfahren die Karten klopften, das hat in der Rechtschreibkommission keine Sau interessiert. Anderer­seits sollen wir aber die Maß (die Maß Bier) jetzt plötzlich mit Doppel-s statt mit scharfem ß schreiben, weil nach den neuen Regeln das stimmlose s nach kurzem Vokal eben als Doppel-s geschrieben wird. Wir schreiben die Maß aber trotzdem weiter mit ß, aus dem ganz einfachen Grund, weil wir es schon immer so gemacht haben und so eine Rechtschreib­reform uns da überhaupt nichts dreinzureden hat.

Das mit dem schaffkopf hat anscheinend schon 1901 keine sau interessiert; die heutige rechtschreibkommission trägt an diesem doch sehr regionalen problem keine besondere schuld. Im gegenteil, wie das beispiel Mass zeigt. 21. (= 1. nachreformatorische) auflage des dudens: "Maß." Süddeutsche Zeitung vom 12. 10. 1999: "[…] dass 'die Maß' richtigerweise 'die Mass' heißen müsste […]. Der Duden und Konsorten werden das wohl weiterhin ignorieren." 22. auflage des dudens: "Maß, bes. bayr. auch Mass." Aber nun ist es auch wieder nicht recht!

2002-10-01

: Volkes Wille soll es künftig einfacher haben. Kieler Nachrichten,
Die Erfahrungen, die in Schleswig-Holstein bisher gemacht wurden, gehören in der Tat nicht zu den besten. Der erste Entscheid scheiterte 1997, als die Kirche auf diesem Weg den Buß- und Bettag wieder einführen wollte. Der zweite fand zwar die nötige Mehrheit. Doch die – bundes­weit einmalige – Abkehr von der gerade erst eingeführten Rechtschreib­reform hatte nur zwölf Monate Bestand. Dann kippte der Landtag den Volks­entscheid. Der Beschluss bewahrte den Norden zwar vor einem bildungspolitischen Sonderweg. Dass Volkes Wille aber einfach wieder einkassiert werden konnte, sorgte bei vielen Bürgern für Unverständnis.
: SPD und Grüne wollen Volksentscheide erleichtern. Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag,
Was Sozialdemokraten und Grüne seit drei Jahren auf der politischen Seele brannte, war die Rechtskraft von Volksentscheiden. Anlass war das erfolgreiche Plebiszit gegen die Rechtschreib­reform 1998. Damit Schleswig-Holstein nicht zu einer "Insel" mit alter Recht­schreibung wird, hatte der Landtag diesen Volksentscheid kurze Zeit später wieder aufgehoben. Das soll in Zukunft nicht mehr so einfach sein. Inner­halb einer Frist von zwei Jahren, so die Vorstellungen der Koalition, kann das Ergebnis einer Volks­abstimmung nur noch durch Zweidrittel­mehrheit oder durch einen neuen Volksentscheid geändert werden.
: Volksbegehren sollen im Norden einfacher werden. SPD und Grüne im schleswig-holsteinischen Landtag wollen das Volksabstimmungsrecht des Landes bürgerfreundlicher machen. Die Welt, regionalausgabe Hamburg, , Norddeutschland
Den Volksentscheid, die Rechtschreib­reform in Schleswig-Holstein auszusetzen, hatte der Landtag wenig später per Gesetz aufgehoben. Künftig soll dies erst zwei Jahre nach einem Volks­entscheid oder in dieser Frist nur mit einer Zweidrittel­mehrheit im Landtag möglich sein.

2002-09-28

: Schier hält Mundart lebendig. Allgemeine Zeitung, Main-Rheiner,
Die Lesung des Mombacher Ortsteil­chronisten Heinz Schier lockte in die Stadtteilbibliothek Mombach […]. Seinen Vortrag startete Heinz Schier mit einer hinter­gründigen Betrachtung des "El Dorado der Irritationen" wie er die Rechtschreib­reform bezeichnete.

2002-09-27

: Selbstverwaltet, selbstbewusst. «Der Tößthaler» — klein, bereits 125-jährig, aber rüstig. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 224, s. 75, Medien und Informatik
Auf das ß im Titel wird ausdrücklich Wert gelegt.

Auf das h auch, denn die internetdomäne toesstaler.ch hat die Tösstaler Schinkenräucherei AG drei jahre vorher weggeschnappt. Der «Zeitung im und fürs Tösstal» bleibt toessthaler.ch.

: Wenn aus den Spice Girls würzige Mägde werden. Zé do Rock stellt bei Autorenlesung seine ganz eigene Rechtschreibreform vor; viel Applaus und gute Stimmung unter den Gästen. Meinerzhagener Zeitung,
Weg vom "Schwerdeutsch" zum "Wunschdeutsch" bis hin zum "ultradoitsch" ist sein Wunsch. "Die Kommas setzten wir hier nach Gefühl — also so wie immer", sagt er. Dehnungs­buchstaben wie "e" im Artikel die oder "h" im Wort Jahr fallen weg. Als nächstes wird nur noch nach dem gesprochenen Wort geschrieben und Fremd­wörter eingedeutscht — "know-how" wird nach Wunsch des Autors folglich zu "no-hau".
: Sitzungs-Überblick jetzt via Internet. Neuss-Grevenbroicher Zeitung, ()
Weniger schön anzusehen ist auf den neuen Seiten dagegen die Tatsache, dass die Rechtschreib­reform an diesen offensichtlich spurlos vorbei gegangen ist. Das gefiel auch Dagmar Treger nicht. Ihr berechtigter Hinweis, man solle doch nach Möglichkeit versuchen, die neue Recht­schreibung als Rat keines­wegs zu ignorieren, solche Fehler hingegen vielmehr besser schnell abstellen, brachte Bürger­meister Moormann doch ein wenig in Erklärungsnot.

2002-09-24

: Eveline Hasler wandelt auf den Spuren Hermann Hesses. Liebeserklärung an das Tessin. Schwäbisches Tagblatt, , Kultur
So führt einer ihrer Spaziergänge auf den Monte Verita, zurück ins Jahr 1899 zu Ida Hofmann und Henri Oedenkover. „Gemeinsam nehmen sie den Kampf auf gegen die verlogene Zivilisation: Sie sind gegen Heirat, Hüte, Korsetts, Orthografie und Sonntags­braten.“
: Schnelle Reformen statt ruhiger Hand gefragt. Enttäuschte Mittelständler im Land fürchten ein "Weiterwursteln wie bisher". Stuttgarter Nachrichten, , Wirtschaft
Dagegen hat Harald Joos, Chef der Waiblinger Stihl AG & Co., offenbar noch Hoffnung: Die Wirtschaft erwarte jetzt einen deutlichen Ruck nach vorne […], erklärt Joos. "Es kann nicht sein, dass Deutschland seinen Ruf als das Land von Dosen­pfand und Rechtschreib­reform fortführt."
: Ralph Giordano präsentiert neues Buch "in alter Rechtschreibung". Westfalenpost, , Menden
"Ich werde aus diesem Buch etwas abgeschlossenes herauslösen […]", begann Ralph Giordano. "Ich kann nur eine unvoll­ständige Panorama­sicht bieten. Den Rest müssen sie sich selbst erlesen", machte der Schrift­steller den Mendenern Appetit auf das gerade erschienene Buch "in der alten Rechtschreibung".

«Etwas abgeschlossenes» ist aber sehr alte rechtschreibung.

2002-09-22

neu Von Raben, Schwalben, Geiern, Kranichen. Frühstückssynopse am Tag der Entscheidung: Die Spitzenkandidaten der fünf aussichtsreichsten Parteien im direkten Vergleich. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, , nr. 38, s. 3, Politik
Wen wählen? Wer es immer noch nicht weiß, dem mag diese Gegenüberstellung als Entscheidungshilfe dienen […], [5] Name, Alter, Geburtsort: Gabriele Zimmer, 47, Berlin. […] Bewunderte Reform: Die Rechtschreibreform, "weil sie so danebengegangen ist".
: Velden ist eigentlich ein Schreibfehler. Kleine Zeitung, ausgabe Kärnten, , Chronik
Ortsnamen widerstehen den Wirren der Geschichte und der Rechtschreib­reform. "Wenn sie einmal amtlich festgehalten sind — und das ist bei den meisten Ortsnamen mit der Einführung des Katasters im 18. und 19. Jahrhundert passiert —, ändert sich nichts mehr", stellt Heinz-Dieter Pohl, Universitäts­professor und Namens­experte, zufrieden fest.

2002-09-19

: [Beitrag zu:] "Was würden Sie unter einem Kanzler Stoiber am meisten vermissen?" Neunundzwanzig Schriftsteller und drei Karikaturisten antworten. Die Zeit, , 57. jg., nr. 39, s. 37 bis 39, Feuilleton
Ob wir nun eine neue Regierung bekommen oder die alte behalten — ich erwarte eine Rechtschreib­reform der Rechtschreibe­reform für erneute hundert Millionen Mark, diesmal in Euro, aus dem Fenster zu werfen […].
: Die Geschichte des Ö. Oberösterreichische Nachrichten,
In der Reihe "Rätsel des Alltags" soll heute ein bedrohter Buchstabe gewürdigt werden: Das Ö. […] Noch rätselhafter ist, dass, während das Ö ungeliebt dahinsiecht, das Ä einen starken Fanklub gefunden hat. So ist es der Rechtschreib­reform gelungen, eine Menge Ä zu säen: Gämse, Stängel, Quäntchen.

2002-09-18

: Erinnerung ist weiblich. Leipziger Schau "Politeia" zeigt deutsche Geschichte nach 1945 aus Frauensicht. Sächsische Zeitung, , Kultur
[…] die Rollenklischees funktionieren noch. Und das Wort Kanzlerin hält der Duden auch nach der Rechtschreib­reform nicht parat.
: Auf Tuchfühlung mit Karasek. Autor stellte neues Buch vor; mit Reich-Ranicki unter bayrischer Mitternachtssonne. Weser-Kurier, , Verdener Nachrichten
Wehmut schwang in der Schilderung heißblütiger Jugendschwärmereien von Brigitte Bardot, die "schon vor der Rechtschreib­reform 'Schmolllippen mit drei l'" besaß […].

2002-09-17

: Schon "Bildung" scheidet die Geister. Heilbronner Stimme, , Region Heilbronn
300 Besucher kamen am Montagabend zum Stimme-Wahlforum. […] Bei allem Respekt vor der Länder­kompetenz müsste der Wechsel eines Schülers von einem Bundesland in ein anderes leichter werden, sagte Michael Link (FDP). Er fordert einheitliche Standards. Der Einfluss der <Kultusminister­konferenz müsse aber zurück gefahren werden. Nicht zuletzt mit der Rechtschreib­reform habe sie die staatliche Über­reglementierung übertrieben.

Etwas zu übertreiben, was selbst schon «über» ist, wäre natürlich schlimm. Aber was ist heute mehr reglementiert als vorher?

2002-09-16

Grenzsteine mit Geschichte. Schwäbische Zeitung, , Tuttlingen
Buchheim grenzte tatsächlich ab 1850 an das Königreich Preußen mit dem Ort Thalheim. Schuster erklärte, dass dies das einzige Thalheim weit und breit sei, das sich mit "Th" schreibe, da die Preußen an der damaligen Rechtschreib­reform nicht teil­genommen hatten.

2002-09-13

: In den Grundfragen einig. Bürgermeisterkandidaten unterscheiden sich am deutlichsten in ihrem Auftreten. Kieler Nachrichten, , Neumünster/Rendsburg
Zu Hochform läuft der Lehrer dann doch noch auf, wenn es um die seiner Ansicht nach unzureichende Ausstattung der Schulen geht. Mit den derzeitigen Geldern brauche es sieben lange Jahre, bis die Euro-Umstellung und die Rechtschreib­reform in den Lehr­mitteln realisiert ist, wettert Wilken.

2002-09-12

: Steueroase Schönwölkau denkt über Erhöhung der Hebesätze nach. Leipziger Volkszeitung, , Delitzsch/Eilenburg
Höhere Kosten fallen in der Grundschule Wölkau bei den Lehr- und Unterrichts­mitteln an, weil wegen der Rechtschreib­reform und der Ein­führung des Euro neue Lehrbücher nötig wurden.

2002-09-11

Stark aufgeholt. Neue Luzerner Zeitung, ,
Der erst kürzlich komplett neu gestaltete Webauftritt der kantonalen CVP überzeugt mit Sicherheit auch Nicht­parteimitglieder. […] Weniger gut: […], wenig nützliches […] auch über die Frauengruppe […]. […] Bei der Recht­schreibung haperts zum Teil noch.

Zum teil nicht nur bei der CVP (Christlichdemokratische volkspartei).

: "Brother" im Netz. Frankenpost, , Kultur regional
Ich beauftragte eine Suchmaschine, im Netz nach meinem Namen zu suchen […]. […] auch beim "Bund für vereinfachte Recht­schreibung" (mit der Besprechung eines Kabarett­abends) bin ich nicht ungern verzeichnet.

Womit die zahl der belege um 1 vermehrt sei.

neu : Pop goes Krisenstabslogik. die tageszeitung, , nr. 6850, s. 21, Themen des Tages
Die Schriftstellerin kathrin röggla "musste 30 werden und den 11. september in new york erleben, um das gefühl zu haben: ich habe ein eigenes leben." Um sich der Eigenheit des eigenen Lebens zu vergewissern, besteht die Autorin auf Kleinschreibung.

2002-09-10

: Ein "m" extra tut der Wahl keinen Abbruch. Kieler Nachrichten, , Schleswig-Holstein im Blick
Vielleicht hätte es am 22. September ja gar keiner gemerkt. In der Wahl­kabine konzentriert sich der mündige Bürger schließlich auf die Parteien und die Direktkandidaten und nicht unbedingt darauf, ob oben auf seinem Stimm­zettel nun "Stimmzettel" oder "Stimmmzettel" steht. Und ein kleines "m" zu viel hätte man zur Not ja auch noch der Rechtschreib­reform in die Schuhe schieben können.

2002-09-09

: Aha-Erlebnisse vor der kahlen Zelle. Aller-Zeitung, (), Gifhorn
In der Nachbargarage präsentiert der Braunschweiger Hartmut Staats Polizei­helme und -Mützen. "Das ist die Mütze der Zukunft", zeigt er ein Cap mit der Aufschrift Politsei. "Rechtschreib­reform", klärt er auf. Muss dann aber selber grinsen: "Nein, das ist ein Cap aus Estland."

2002-09-07

: Vier Jahre ist die Rechtschreibereform alt. Aargauer Notizen. Zofinger Tagblatt, , 130. jg., nr. 208, s. 21, Aargau
Kaum jemand wendet im privaten Umfeld die neuen Regeln an. Kaum ein Brief, der nach den neuen Vorgaben geschrieben wurde. […] Die oft als Durchbruch der deutschen Schrift­sprache bezeichnete Luther-Bibel hat nicht einmal in sich selbst eine einheitliche Schreibweise. […] Wo Luthers Bibel einen ungeheuren Einfluss hatte, ist bei der Gross-Schreibung der Hauptwörter, die viele Nachahmer fand, zu denen übrigens der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli nicht gehörte. Seine Bibel ist in mittel­alterlicher Klein­schreibung verfasst und wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein so gedruckt. […] Um auf die viel kritisierte neue Orthografie zurück­zukommen. So schlecht sind deren Vorgaben auch nicht, wie sie gemacht werden.

Wie viele privatbriefe werden nach den alten vorgaben geschrieben? Und woran erkennt man den unterschied bei einem schweizer privatbrief, wo sich die s-schreibung nicht ändert, trennungen oft vermieden werden und fremdwortschreibungen schon immer schwankten?

2002-09-06

: Die PDS hat's nicht mit Liechtenstein. Kölner Stadt-Anzeiger, (), Leverkusen
Bei der „Polit-Show“ in der Aloysius-Kapelle in Opladen war mehr gefragt als Wahlkampf-Floskeln. […] Beim anschließenden Quiz stellten sie doch glatt Fragen zur neuen Rechtschreibung. Ganz gemein. Da scheiterte Akbayir an der Schreibweise von „Liechtenstein“ und Nowak an der „Schifffahrtsgesellschaft“. […] Und auch Anna Schönhütte, die Vorsitzende der Grünen-Jugend in NRW, […] musste trotz aller Erfolge auch Schlappen einstecken. „Rhythmus“ wird nun mal immer noch mit zwei „h“ geschrieben, auch unter einer Rot-Grünen-Regierung.
: Schulanfang hoch drei. Für Pottensteiner Drillinge beginnt der Ernst des Lebens. Nordbayerische Nachrichten, , Pegnitz und Umgebung
Belinda […] freut sich am meisten auf das Lesen und Schreiben […]. Jedoch freut sich die Mutti, mit ihren Kindern wieder mitlernen zu können. „Die neue Rechtschreibung zum Beispiel.“

2002-09-04

: Die letzte Wahl. Das Schlagloch. die tageszeitung, , nr. 6844, s. 12, Meinung und Diskussion
[…] es kam mir so vor, als hätten wir es hier mit einem craze, wie man in Kalifornien sagt, zu tun. Bei der Parlamentswahl ginge es nicht mehr um politische Grundrichtungen und die Selektion des Personals, das die Geschäfte führen soll. Vielmehr würde sich die Beseitigung von Schröder/Fischer umstandslos einfügen in die Reihe der anderen crazes, mit denen sich die Gesellschaft schon so lange vergnügt, die Rechtschreib­reform und die Bildungskatastrophe ("nach Pisa …"), die bovine spongiforme Enzephalopathie und der Elektrosmog, die Kampfhunde und die Computerspiele (als Programmierung zum Amoklauf). Nach einer Saison pflegt der craze zu verfliegen; verblüfft wischt sich Der Wähler die Augen und versteht kaum, warum jetzt Dr. Stoiber und seine bayerischen Kader das Kanzleramt besetzen.

2002-09-02

Schizophrene Orthographie. Durch den neuen "Wahrig" zieht sich ein Riß: Welche Rechtschreibung die richtige ist, bleibt weiterhin unklar. Berliner Zeitung, , s. 12, Sachbuch (777 wörter)
Rechtschreibung ist eine sprachliche Praxis, die sich täglich neu vollzieht. Die Formulierung orthographischer Regeln ist der wissenschaftliche Versuch, sich auf den Usus einen Reim zu machen. Die Gewohnheit, im "Duden" etwa den Regelteil dem Wörterverzeichnis voranzustellen, stellt also die Verhältnisse auf den Kopf.
: Die Reform reformieren? Wissenschaftler sieht die neue Rechtschreibung gescheitert — Mannsfeld warnt vor Abschaffung. Freie Presse, , Sachsen-Themen
Die Rechschreibreform sorgt auch vier Jahre nach ihrer Einführung für Kontroversen in Ostdeutschland. Bildungspolitiker in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sprachen am Wochenende zumindest von Teilerfolgen und regten Veränderungen an. Dabei machten sie allerdings unter­schiedliche Vorschläge, wie eine reformierte Reform aussehen könnte. Der Jenaer Rechts­wissenschaftler Rolf Gröschner erklärte die neue Recht­schreibung für gescheitert.
: Der Weg zu deutschen Rechtschreibreform. Freie Presse, , Sachsen-Themen
Die 1901 festgelegte einheitliche Schreibung des Deutschen hatte damals zwar konkurrierende Regeln und Schreibweisen in den Ländern beseitigt, allerdings auf Kosten von Systematik und Einfachheit. Um dieses Problem zu beseitigen, das sich durch immer neu hinzukommende Unterregeln noch verschärfte, begannen in den siebziger Jahren Arbeitskreise in der Bundes­republik und der DDR mit der Vorarbeit für eine neue Recht­schreibung.
: "Pisa" erhitzt die Gemüter auf dem Podium. Schwäbische Zeitung, , Tettnang
Pisa-Test und Kultusministerkonferenz waren Schlagworte, die am Freitag im Hotel Bären öfters zu hören waren. Der Gesamtelternbeirat Tettnang hatte Bundestagskandidaten und -abgeordnete der Parteien zur Podiumsdiskusssion zum Thema Bildungs- und Familienpolitik geladen. […] Der FDP-Kreisvorsitzende Manfred Brugger vertrat FDP-Bundestagskandidat Heiner Schülke[…]. "Wir sind der Meinung, dass die gemeinsame Willensbildung das Problem der Kultusministerkonferenz ist", erklärte Brugger. Die Konferenz habe nötige Reformen wie die Rechtschreibreform blockiert.
: Die Kandidaten üben den Spagat. Gesittetes Tempelhof, schillerndes Schöneberg: Der Bezirk der Gegensätze macht es den Bewerbern nicht leicht. Tagesspiegel, , Berlin
Neuberlinern den Bezirk Tempelhof-Schöneberg zu beschreiben, ist keine ganz leichte Aufgabe. Man könnte davon berichten, dass in der einen Hälfte (Schöneberg) der größte Teil der Berliner Schwulen-Szene zu Hause ist, während es in der anderen (Tempelhof) die im Stadtvergleich nicht unerhebliche Zahl von 4600 Kleingärten gibt. Oder, dass in Tempelhof eine berlinweite Rekordzahl von 7005 Bürgern das Volksbegehren „Schluss mit der Rechtschreibreform“ unterzeichnet hat, während in Schöneberg Unterschriften zur Rettung des Stadtteil­festes in der Motzstraße gesammelt werden.
: "Die Reform ist gescheitert." Thüringische Landeszeitung,
Die Praxis bestätige seine damalige Prognose, dass zwar Münzen einer Währung vom Staat geprägt würden, nicht aber die Schreib­weisen eines Volkes, sagte Gröschner.

Deshalb: Wenden Sie die eigennamengrossschreibung in der praxis an!

2002-09-01

neu : Nein zum dreifachen "s". Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, , nr. 35, s. 44
Einen ungewöhnlichen Gegenantrag mußte der Vorstandschef der IKB Deutsche Industriebank […] auf der Hauptversammlung am Freitag behandeln. Aktionär Jürgen Frielinghaus […] forderte, dem Vorstand die Entlastung zu verweigern. Die Begründung: In der Kommunikation mit ihren Aktionären verwende die Bank "die bis jetzt noch nicht verbindliche neue Rechtschreibung […]. Besonders schlimm finde er die neue Schreibweise des Wortes "Genussschein".