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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

presseartikel1928-09-19 → Müſſen und können wir …?
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Nachrichten (Pokrowsk/Engels), , fraktur

Müſſen und können wir die deutſche rechtſchreibung fereinfachen?

„Das ſprechen entſcheidet, der mund iſt der richter, nicht die feder.“ E[duard] Engel, Gutes Deutſch

Ein auf den erſten blick ſonderbarer zuſtand herrſcht in der Wolgadeutſchen Republik: man lernt lieber und raſcher ruſſiſch ſchreiben als deutſch. Der Grund: die deutſche rechtſchreibung iſt im fergleich mit der ruſſiſchen koloſſal ſchwieriger: außer der recht unbegründeten groß- und kleinſchreibung von wörtern, der beibehaltenen fremdländiſchen rechtſchreibung der fremdwörter und ſogar fon fremdwörtern abgeleiteten Wörter, gibt es noch die ſchwere menge von wörtern, die nicht ſo ge­ſchrie­ben werden wie man ſie ausſpricht, deren recht­ſchrei­bung ſich nicht an beſtimmte regeln hält und mit denen man ſein gedächtnis überladen muß, wenn man einigermaßen richtig deutſch ſchreiben will. Man kann ohne übertreibung ſagen, daß bei uns in der Wolgadeutſchen Republik, wo man im verker kein reines deutſch hört und ſomit auch die grundlage für den richtigen gebrauch der gram­matikaliſchen formen und den richtigen ſatz­bau fehlen, richtiges (im ſinne der deutſchen „amtlichen“ rechtſchreibung) ſchriftdeutſch nur ſelten antrifft, ſogar unter den gebildeten, die lerer nicht ausgenommen, die in ruſſifizierten ſchulen erzogen wurden.

Indeſſen ſtellt die kulturrewoluzion, vor allem die liquidazion des analfabetentums, dieſer haupt­urſa­che unſerer wirtſchaftlichen und kulturellen rückſtändigkeit, anforderungen, die infolge der ſchwierigkeiten der deutſchen rechtſchreibung ſchlechterdings unerfüllbar ſind. Wir können doch nicht unſere leute fünf bis ſechs jare lang an der rechtſchreibung herumnagen laſſen, damit ſie dann doch immer wieder zum „Duden“ greifen müſſen, um ſich über das „recht“ und „falſch“ zu vergewiſ­ſern, über welches die zweifel auch bei den höchſtgebildeten niemals völlig ſchwinden. Umſo mer können und dürfen wir verſuchen, die recht­ſchreibung zu „demokratiſieren“, das ſchriftdeutſch zum allgemeingut machen, als uns die ſprache das wichtigſte mittel zum anſchluß der breiteſten werktätigen maſſen an unſere kultugüter iſt. Es fragt ſich nur, was und wie wir an der rechtſchreibung vereinfachen können, damit es zwiſchen uns ſowet­deut­ſchen und den auslanddeutſchen, vor allem Deutſchland, keine ſolche kluft in der recht­ſchreibung gibt, die es unſerer jüngſten generazion, die nur die fereinfachte rechtſchreibung kennen wird, erſchweren würde, ausländiſche Druckſchrif­ten zu leſen; ferner darf die fereinfachung die grenzen nicht überſchreiten, hinter welcher es ſchon keine gewär mer gibt, daß bereits bezogene poſizionen wieder verlaſſen werden müſſen.

Am beſten wäre es natürlich, wenn wir „das ſprechen entſcheiden, den mund und nicht die feder den richter“ ſein laſſen könnten, d. h. wenn wir die rechtſchreibung ſo fereinfachen könnten, daß ſie bei berückſichtigung der ſchon erwähnten grenzen tunlichſt dem klang des wortes entſpräche, durchaus fonetiſch wäre, wie die filologen ſagen. Wir haben ein glänzendes beiſpiel an der ruſſiſchen ſprache, deren rechtſchreibung nach der rewoluzion durchaus fonetiſch umgebaut wurde, ohne indeſſen auch nur das geringſte an präziſion und verſtändlichkeit eingebüßt zu haben.

Wie weit könnten wir denn aber gehen mit der fereinfachung der rechtſchreibung?

For allem muß dem unweſen mit der groß­ſchreibung der hauptwörter ein ende gemacht werden. Das können wir ohne weiteres tun, da dieſe großſchreibung ganz belanglos iſt und weder zum beſſeren verſtändnis, noch zu ſonſt einem zweck beim leſen dient. Die ruſſiſche rechtſchreibung kennt die „unſitte“ der großſchreibung der hauptwörter nicht, iſt aber deshalb nicht weniger ver­ſtändlich. Nach unſerem dafürhalten kämen ferner folgende fereinfachungen in betracht: erſetzung der drei f-zeichen (f, v, ph) durch ein f-zeichen; ausſchaltung wenigſtens eines von den beiden denungszeichen (h und das e nach i, womöglich des lautloſen h). Das wegfallen des denungs-h wird reichlich dadurch „kompenſiert“, das die kurzlaute ſo wieſo durch verdoppelung der konſonanten gekennzeichnet werden (z. B. lamm und lam = lahm; kann und kann = kahn. Von der erſetzung der doppellaute eu und äu durch das oi, das allein in betracht käme, kann kaum die rede ſein, da ſie nicht ganz ſo klingen wie das ausgeprägte oi, ſondern einen mittellaut zwiſchen dieſem und dem ei bilden, von den ſchwierigkeiten beim leſen der alten literatur ſchon nicht zu reden. Ob das qu durch kw erſetzt werden kann, wollen wir auch dahingeſtellt ſein laſſen, da man das qu-doppelzeichen ſowieſo kennen muß, um die vorhandene literatur ohne ſchwierigkeiten leſen zu können. Die rein fonetiſche rechtſchreibung der fremdwörter darf wol one bedenken angenommen werden können (alſo rewoluzion ſtatt Revolution, ankette ſtatt Enquette uſw.)

Eine ganz weſentliche fereinfachung brächte noch die einfürung der lateiniſchen ſchrift mit ſich.

Wie das ſchriftbild nach der forgeſchlagenen fer­einfachung ausſehen wird, kann der leſer an dieſem artikel erkennen, der zugleich eine probe mit der im forſchlag gebrachten fereinfachten recht­ſchreibung darſtellt. Wir erheben natürlich keinen anſpruch auf richtige löſung des problems, denn dazu iſt es zu kompliziert und muß noch fiel gründlicher durchgearbeitet werden; aber wir möch­ten mit unſerem artikel anregung zu  breiten meinungsaustauſch über dieſe frage in unſerer preſſe geben. Wir hoffen, daß ſich unſere lerer­ſchaft, die ja die fereinfachung der rechtſchreibung aus verſchiedenen Gründen ganz beſonders intereſ­ſiert, recht rege an dieſem meinungsaustauſch beteiligen und ſo material zur allſeitigen beleuchtung und richtigen löſung der frage liefern wird.


Quelle: bkdr.de/dokument-des-monats-04-2024