Eckhard Behrens, Frankfurter Allgemeine Zeitung,
Wenn es sinnvoll ist, daß die Erwachsenen an die von der KMK verordnete Rechtschreibung nicht gebunden sind, dann ist es notwendig, die Schüler auf eine Erwachsenenwelt vorzubereiten, in der jeder selbst rechtfertigen muß, warum er so und nicht anders schreibt. Jeder muß sich das Verständnis für das rechte Schreiben erwerben, jeder muß lernen, sich selbst ein Urteil zu bilden, und damit kann und sollte in der Schule begonnen werden. Eine Erziehung im Autoritätsglauben ist da keineswegs hilfreich, sondern verfehlt das Ziel der Erziehung zur eigenen Urteilsfähigkeit im Gebrauch der Schriftsprache. Es ist die alte Frage der Aufklärung: Finden die Deutschen in der weiteren Rechtschreibdiskussion den Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit? Lernen sie, sich ihres eigenen Rechtschreibverstandes zu bedienen? Das wird nur gelingen, wenn sie die Unfehlbarkeit ihrer Kultusminister und der Konsensmaschine KMK gründlich anzweifeln und den Mut haben, auch ihr Schulwesen von der obrigkeitsstaatlichen Rechtschreib-Gängelung zu befreien.