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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

stellungnahmen → Rechtschreibfrieden?
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Der Bund für vereinfachte rechtschreibung nimmt stellung

Rechtschreibfrieden? Nein, bewegung!

Zu zwei artikeln in der zeitschrift Schweizer Monat,

Der fortschritt ist nicht aufzuhalten. Erschien der letzte beitrag von professor Wachter in den «Schweizer Monats­heften» anno 2003 noch in alter rechtschreibung inkl. ß, darf man in der neuesten nummer des «Schweizer Monats» feststellen, dass ein getrenntes st niemandem weh tut. Jetzt könnten wir vielleicht noch an der sprachrichtigkeit der sprache arbeiten: «*Aktuell herrscht …»

Rudolf Wachter beklagt den ausbleibenden rechtschreib­frieden, und Theodor Ickler entlarvt die finsteren mächte hinter der «handstreich­artigen Einführung der Reform». Letzteres kann man als deutsches innenpolitik­gezänk ad acta legen; es beschreibt immerhin schön die unheilvolle rolle der deutschen obrigkeits­hörigkeit. Von un­schweizerischer obrigkeits­hörigkeit trieft allerdings auch der schweizerische professor mit seiner ablehnung jeder veränderung, der furcht vor verwirrung und varianten, der sehnsucht nach frieden und formulierungen wie «verbotene Schreibungen».

Es fehlt an vor­stellungs­vermögen.

Es scheint naheliegend, in einem dossier über «die macht der sprache» die aus­einandersetzung in sachen recht­schreibung zu tema­tisieren. Zwingend ist es anderseits nicht; jedes andere politische tema, sei es migration, gentechnik, energie, 5g, ernährung, eignet sich mindestens so gut. Aus der tatsache, dass rechtschreib­reformen selten sind, darf man nicht folgern, dass sie etwas einzigartiges sind. Gerade sprachwissen­schafter haben oft mühe, einen schritt zurück zu treten und das ganze aus der nötigen distanz zu betrachten. Es ist denn auch sehr häufig nicht in erster linie die meinung, die die kontrahenten unterscheidet, sondern das vor­stellungs­vermögen, die fantasie – eine voraus­setzung für jede art von innovation. Sowohl zeitlich als auch regional gibt es da markante unterschiede. Nicht nur beim tema rechtschreib­reform sehen wir eine verengung des geistigen horizonts einerseits etwa gegenüber den 1870er und den 1970er jahren und anderseits nach dem motto: Je grösser ein land ist, umso enger sitzen die scheuklappen. Gewiss, befürworter und gegner einer reform gibt es überall. Aber die art und weise, wie darüber diskutiert wird, unterscheidet sich stark. Die «Basler Zeitung» staunte über «Deutschland, wo der Kampf zwischen Sprach­bewahrern und Sprach­modernisierern Leidenschaften entbunden hat, die die europäischen Nachbarn geradezu erstarren liessen». Ein «NZZ»-korrespondent diagnostizierte eine «deutsche Erregungs­gesellschaft».

Schon 1901 klagte Wilhelm Wilmanns, dass die einen zeitungen «das Publikum verwirren, andere es durch ungeheure Vorstellungen schrecken, wieder andere es mit Spott und Hohn belustigen». Für den deutschen reformer Hermann Zabel gehören «Journalisten seit 1876, dem Jahr der I. Orthographischen Konferenz, zu den ‹geborenen Feinden› einer erneuerten Rechtschreibung». Auch in der Schweiz ist die presse nicht feuer und flamme für reformen, aber weniger agitatorisch und weniger einseitig. Weltweit führend in sachen einseitigkeit ist leider der «Schweizer Monat». Und das nicht nur in dieser nummer. In den letzten 20 jahren kam das tema über 20-mal zur sprache. Wie oft konnten befürworter ihren standpunkt darlegen? Null mal! Ist das der «freiheitliche Wettbewerb der Ideen»? Sind das die «besten Autorinnen und Autoren der Schweiz und der Welt»? Ein autor, der unter diesen umständen keine chance hätte, ist Konrad Duden. Über ihn schrieb «NZZ»-chef­korrektor Walter Heuer 1961: «Das Ziel, das Duden damals vorschwebte, war ein doppeltes: Ver­einheitlichung und Vereinfachung. Mit Rudolf Raumer be­fürwortete er die Beseitigung der In­konsequenzen in der Bezeichnung der Längen und Kürzen und eine weitgehende Eindeutschung geläufiger Fremdwörter. Daneben machte er – das darf auch der heutige Gegner einer solchen Reform nicht verschweigen – kein Hehl daraus, daß er die Kleinschreibung der Substantive als ein zwar im Augenblick noch nicht zu verwirklichendes, aber doch ernsthaft zu verfolgendes Fernziel betrachte.»

Natürlich gibt es gründe, mit der neuregelung von 1996 und erst recht mit der von 2006 unzufrieden zu sein. Und Robert Nef mag recht haben, «daß das Nachbessern ver­fehlter Regeln nichts taugt». Allerdings beziehen wir das auf die verfehlten regeln von 1901, die gemäss Duden nur ein zwischenziel erreichten. In diesem sinn «ist der Kampf gegen die mißglückte Reform ein im Kern liberales Anliegen». Die geschichte lehrt uns, dass jede reform altgläubige hinterlässt, verteidiger des status quo. Laut dem spötter Mark Twain gab es bestimmt auch bei den alten ägyptern leute, die des langen und breiten erklärten, warum es absolut notwendig ist, bei hieroglyfen als der einzig richtigen form des schreibens zu bleiben und nicht ein alfabet zu entwickeln.

Neu ist, dass die alt­gläubigen unter der flagge des liberalis­mus segeln.

Neu ist, dass die alt­gläubigen unter der flagge des libera­lismus segeln. Stärker als in der Schweiz haben sich in Deutschland die liberalen auf das tema eingeschossen – womit die Freien demokraten sich auch diese gelegenheit nicht entgehen liessen, sich ins nirwana zu katapultieren. Unsere auffassung von liberalismus findet sich eher in einem soeben im Liberalen institut publizierten text von Simon Aegerter: «Wie ist die Menschheit dahin gekommen, wo sie heute ist? Es gab immer wieder Momente, wo Erfindungen und Innovationen – disruptive Neuerungen – alles verändert haben. Dies löste zwar zunächst grosse Ängste und Wider­stände aus. Doch letztlich setzten sich diese Innovationen durch, weil sie sich als vorteilhafter erwiesen. Meist sind die Ängste vor der Zukunft übertrieben, weil sie den Erfinder­geist und die Anpassungs­fähigkeit der Menschen an neue Situationen unterschätzen. [Sprachrichtiger: die fähigkeit der menschen, sich an neue situationen anzupassen.] Phantasie und Innovations­kraft haben keine Grenzen. Nur wenn wir es wagen, sie zu entfesseln, können wir die Natur [und die schrift] retten, nicht, indem wir uns willkürliche Grenzen setzen.»

Eine willkürliche grenze setzen reform­gegner mit der absurden aussage Eisenbergs: Die rechtschreibung ist, wie sie ist; jede noch so gutwillige, gutgemeinte manipulation hat zu unterbleiben. Mit dieser geisteshaltung wäre die schrift gar nie erfunden worden. Sie ist eine menschliche schöpfung; ihr liegen ein klares konzept und ein ziel zugrunde. Deren voll­kommene verwirklichung wird natürlich von der realpolitik in alle ewigkeit verhindert, aber ist das für den liberalen menschen ein hindernis, ver­besserungen anzustreben? Nun soll genau die rechtschreibung von 1901/1991 «bewährt» und «sprach­richtig» sein? Dieter E. Zimmer («Die Zeit»): «Die deutsche Orthographie ist kein hehres Kulturgut, an dem jahrhunderte­lang die größten Genien dieser Sprache gewirkt hatten und das nun von ein paar subalternen Besser­wissern verschandelt würde. Sie ist eine bloße kompromiß­lerische Konvention, zur Jahrhundert­wende von ein paar Pädagogen ersonnen und seitdem von der Redaktion eines Buchverlags in eigenem Ermessen verwaltet, fortgeführt, ergänzt. Wir hängen an unserer Orthographie nicht, weil sie so besonders wertvoll wäre, sondern nur, weil wir zufällig sie und keine andere verinnerlicht haben.»

Die ver­innerlichung hat aber nicht zur folge, dass die rechtschreibung gut beherrscht würde. Max A. Müller, der die schweizer lehrer im rat für deutsche rechtschreibung vertrat, erinnert an die schreib­wirklichkeit: «Unsere Schüler machen bei weitem nicht jene Fehler, die von den neuesten Regelungen irgendwie tangiert würden. Ob sie ‹leidtun› getrennt schreiben oder zusammen­schreiben, gross oder klein ist mit Abstand das harmloseste Problem. […] Die von der Reform erfassten Fälle tummeln sich weit oberhalb des normalen Rechtschreibelends an den Volksschulen und wohl auch vieler Sek-II-Klassen.» Ebenso Matthias Kamann, «Die Welt»: «Die Lehrerin freut sich, wenn Unterschied mit ‹ie› geschrieben wird, Kran ohne ‹h› und ‹Kind› mit ‹d›. Dies sind die Probleme des Rechtschreib­unterrichts. Dazu gehören aber nicht jene Kniffligkeiten, um die es bei der jüngsten Debatte zur Rechtschreib­reform geht.» Die «sprachliche Vernunft der grossen (schreibenden) deutschsprachigen Gemeinschaft» kommt in den rechtschreib­leistungen anscheinend nicht zum ausdruck. Auch bevor das «sprachempfinden» «verletzt» wurde, wussten zwei drittel der deutsch­sprachigen z. b. nicht, wie «Rhythmus» ge­schrieben wird. Zwei drittel!

Angesichts solcher verhältnisse erstaunt es, dass eine reform «auf breites Unverständnis» stossen soll. In der tat wurde die neuregelung in unzähligen umfragen und in einer volks­abstimmung in einem deutschen bundesland mit grosser mehrheit abgelehnt. Ist die grosse mehrheit für die alte rechtschreibung, die eine grosse mehrheit nicht schreiben kann und, wie wir aus inter­nationalen vergleichen wissen, auch nicht besonders gut liest? Wären auch 90 prozent gegen eine schreibweise wie «rytmus»? Ja, sie wären! Dazu müsste man nicht einmal von einer übermässigen boshaftigkeit der befrager ausgehen; als erklärung reicht das erwähnte vorstellungs­vermögen. Schon der industrie­pionier Henry Ford erkannte das: «Wenn ich die menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere pferde.»

Von einem liberalen standpunkt aus sollte gelten: So einfach wie möglich, so kompliziert wie nötig. Aber die wirklichkeit ist nicht so. Ebenso wie das liberale gedanken­gut nicht so populär ist, wie wir es gern hätten (siehe weiter unten Gerhard Schwarz), sind einfache lösungen nicht unbedingt beliebt. Da sind einmal die, die gar nicht wissen, dass sie nicht wissen, wie man «Rhythmus» schreibt. Andere wissen es, aber wollen es nicht zugeben. Und nicht wenige sind sich ihrer un­vollkommenheit bewusst, suchen aber den fehler bei sich selbst und nehmen an, es gebe einen tieferen grund, dass die gescheiten leute das wort so schreiben, wie sie es schreiben. Das fiel schon Konrad Duden anno 1872 auf: «Viele mit der Kenntniß fremder Sprachen reichlich Ausgestattete halten es für barbarisch, dem Fremdling ein deutsches Gewand anzuziehn, und viele, denen jene Kenntniß abgeht, greifen erst recht gern zu der fremden Schreibweise, nicht selten, weil sie glauben, daß diese, ich möchte sagen, vornehmer sei und den Schein jener Kenntniß verleihe.» Alle leute (nicht die «NZZ») schreiben «club» und «yacht», weil «klub» und «jacht» zu gewöhnlich aussehen (obwohl letzteres von jagen kommt). Die ein­deutschende schreibung «Butike» hat der rechtschreibrat kürzlich «verboten», wie Wachter sagen würde, nachdem sie 150 jahre in den wörterbüchern stand. Ein weiteres beispiel ist der so beliebte apostrof. Wer unsicher ist, könnte es sich einfach machen und nie einen setzen und damit weniger fehler machen als die meisten anderen leute.

Gegen vereinfachungen spricht nicht zuletzt das weit verbreitete, diffuse, aber unbegründete und bestimmt nicht liberale gefühl, dass alles schlechter wird, dass die sitten, die sprache, die rechtschreibung verfallen. Auch für die rechtschreibung gilt, was Hermann Unterstöger über die sprache sagt: «Die Sprachwahrer und Wortwarte hängen der Vorstellung an, die Sprache habe irgendwann den besten aller möglichen Zustände erreicht und könne von da an durch Neuerungen nur noch verlieren. Es ist nicht untypisch, dass sie besagtes Ideal in aller Regel dort verwirklicht sehen, wo es mit ihrem eigenen Sprach­vermögen übereinstimmt.»

So unbeliebt wie veränderungen sind varianten und wahl­möglichkeiten. Auch Wachter ist «gründlich verwirrt durch dieses Hin und Her». Verwirrung – der grosse schrecken der besitzstand­wahrer! Sollten wir liberalen uns nicht eher an Ludwig Tieck halten? «Eine gute Verwirrung ist mehr wert als eine schlechte Ordnung.» Reinhard Kahl: «Die durchregulierte Rechtschreibung, zumal in ihrer engen und ängstlichen Auslegung, sozialisierte für die Massen­produktion. Diese brauchte strikte Normen. Kreativität und Ideen hingegen brauchen Spielräume.» Und: «Die Doppel­herrschaft von alter und neuer Rechtschreibung hat un­beabsichtigt einen enormen Zivilisations­gewinn gebracht.» Dass das nicht alle so sehen, hat Gerhard Schwarz 2012 in der «NZZ» erklärt: «Ein […] Vorteil einer freien Ordnung ist ihre Fortschritts­trächtigkeit. Sie erlaubt Versuch und Irrtum, die Suche nach Neuem. [Dazu] gehört […], dass Freiheit als pathetischer Begriff […] zwar eine gewisse Attraktivität besitzt, dass sie im Alltag aber oft als unbequem empfunden wird. ‹Die Qual der Wahl›, ‹sich entscheiden müssen› – Redewendungen verraten, dass das, was der Liberalismus als Lust versteht, von vielen als Last empfunden wird. Stattdessen streben die meisten Menschen nach dem, was Wirtschaftsnobel­preisträger James M. Buchanan ‹Parenta­lismus› nennt. Andere Personen, der Staat oder transzendente Kräfte sollen eine elterliche Rolle übernehmen und Entscheidungen abnehmen. […] Dem Verkaufs­erfolg entgegen steht ferner die Langfristigkeit liberalen Denkens. Dieses ist mehr auf Risiko und Innovation als auf Erhalt des Erreichten ausgerichtet.» Konkret zur rechtschreibung meinte Jens Jessen 2004 in der «Zeit»: «Der größte Gewinn der Rechtschreib­reform besteht in dem, was die Reformgegner am meisten aufregt. Es ist die Liberalisierung der Schreibweisen. […] Es gibt also einen antiautoritären Zug in der Reform. Er wird noch dadurch verstärkt, dass es neben der gewollten eine ungewollte Liberalisierung gibt. Von vielen wird die neue Orthografie nicht oder nur fragmentarisch angewandt. Man nennt das Rechtschreib­schwäche; sie gab es immer und überall. Nicht aber wird aus der behaupteten Unverständlich­keit der neuen Regeln ein Argument für die alten, denn diese waren viel komplizierter. Wer die neuen nicht versteht, wird auch die alten kaum begriffen haben. Sie verlangten Kenntnisse von Semantik und Grammatik bis in die Verästelungen hinein, die es erlauben, zwischen der Behandlung seines Problems im ganzen und der eines Problems im Ganzen zu unterscheiden. […] Selbst manche willkürliche Neuerung schärft den Sinn dafür, dass Orthografie eine Sache der Mode ist. Es gibt keine wahre, heilige Schreibung des Deutschen.»

Fairer kon­kurrenz­kampf.

Heilig sind weder die regelwerke von 1901 und 1996 noch die von uns gepflegte vorbarocke schreibweise. Aber seit 1901 (in der Schweiz seit 1892) gibt es eine amtliche schul­ortografie. Und es gibt nur eine! Das ist nicht übermässig liberal, wird aber nicht einmal von den befürwortern einer freien schulwahl hinterfragt. Auch Ickler ist erst 1996 darauf gekommen, dass «die Schüler als Geiseln» genommen werden. Wir haben das schon früher im sinne Zimmers beklagt, aber ein besserer ausweg als eine gleichermassen verbindliche materielle änderung ist uns auch nicht eingefallen. Nun glaubt Wachter einen ausweg gefunden zu haben: «Wenn sich die Politik nun aber endlich zusammen­rauft und auch die letzten Reform­schreibungen in einen fairen Konkurrenz­kampf mit den herkömmlichen Schreibungen schickt, indem sie letztere wieder für richtig erklärt …» Ebenso der liberale vordenker Robert Nef: «Denkbar wäre auch die parallele, konkurrierende Zulassung von zwei oder mehreren Referenz­werken. […] Ein Vorteil für Schüler läge darin, dass man weniger als Fehler anstreichen könnte, wenn eine Schreibweise wenigstens nach einem Referenzwerk zulässig wäre.» Ja! Nur: Was soll «die Politik» konkret machen? Dem erwachsenen kann sie nichts «für richtig erklären» und «zulassen» – das könnte nicht einmal der grösste etatist wünschen. Für den erwachsenen (und unserer ansicht nach auch für absolventen höherer schulen) sind der duden von 1991, Icklers wörterbuch (ja, das gibt es), das grösste wörterbuch (das mit der kleinschreibung) und der letzte frakturduden von 1942 ebenso richtig und zugelassen wie der duden von 2017. Was wollen also Wachter und Nef? Wenn «die politik» eine «geiselnahme» verhindern will, bleibt nur, dass sie dem sieben­jährigen schulanfänger alle genannten ortografien «parallel» präsentiert. Im ent­sprechenden didaktikkonzept, auf das wir allerdings noch warten, hätte bestimmt mit einem kleinen zusatz­aufwand auch noch die stenografie platz, womit die vorteile einer stark vereinfachten rechtschreibung offen­sichtlich würden.

Diese zeilen sind im sinne eines «fairen Konkurrenz­kampfs» in eigennamen­grossschreibung verfasst. (Sie wären allerdings auch gemäss duden 28. aufl., duden 1. aufl., in fraktur, steno, braille, kyrillischer schrift usw. lesbar.) «Die macht der sprache» gebietet uns übrigens, unsere schreib­weise nicht mehr als «gemässigte klein­schreibung» zu bezeichnen, weil damit systemwidrig eine diachrone und wertende aussage verbunden ist. Dagegen impliziert «eigennamen­grossschreibung» eine positive begründung – und ein rezept gegen die von Wachter mit recht an­geprangerte «konzeptlose Willkür» wenigstens auf diesem gebiet.

Auch die reformgegner machen sich natürlich gedanken zur «macht der sprache», wie Sigfried Schibli 2004 in der «Basler Zeitung» konstatierte: «Die Waffen im Sprachkampf werden schärfer, und mittlerweile ist auch der Begriff der Rechtschreibung selbst in die Kriegsführung einbezogen worden. Die Gegner der reformierten Schreibung haben nämlich bemerkt, dass sie gegenüber den Verfechtern eben dieser Schreibung in einen Rückstand geraten sind, der mit dem Namen ‹alte Rechtschreibung› selbst zu tun hat. Ihnen als Verteidigern des vor der Reform Bestehenden wuchs durch diese Bezeichnung ein konservatives, ein altbackenes Image zu, von dem sie sich jetzt elegant befreien wollen. Führende Medien […] sind dazu übergegangen, nicht mehr von der ‹alten›, sondern von der ‹bewährten Rechtschreibung› zu reden. In den neuen Namen ist ein Argument verpackt und eine Vergessens­droge dazu: Was sich bewährt hat, soll man nicht ohne Not verändern, und der Ärger über die zum Teil herzhaft unlogischen alten Regeln soll mit einem terminologischen Trick weggezaubert werden. Noch einen bemerkens­werten Schritt weiter ging der Schrift­steller Rainer Kunze. Er sprach […] von der ‹klassischen Rechtschreibung› und suggerierte damit, diese sei von Goethe und Schiller persönlich eingeführt worden und nicht von einem seinerzeit heftig umstrittenen Sprach­bürokraten namens Konrad Duden. Jetzt warten wir nur darauf, dass bald ein noch fanatischerer Verteidiger der alten Regeln auftritt und diese als ‹natürliche› Schreibung verklärt.»

«Klassische rechtschreibung» – genau! Warum ist uns das nicht früher für unsere schreibweise eingefallen? Vor 96 jahren, als unser Bund für vereinfachte rechtschreibung gegründet wurde, war man sich vielleicht der macht der sprache noch zu wenig bewusst. Dabei hätte man nur auf Gottfried Keller hören müssen; er bezeugte 1860 seine sympatie für eine «klassisch abbrevierte schreibart etwa im grimmschen sinne»!

Eine kurzfassung erschien in der september­nummer des Schweizer Monats.

PS. Welche folgen hat das gemäss Wachter «unlogische Regel­geflecht, das sich niemand merken kann», in der praxis? Naheliegender­weise haben wir geschaut, wie sich die neue rechtschreibung auf die beiden texte von Wachter und Ickler auswirkt. Es sieht alles andere als dramatisch aus: Ganze 3 fälle treten insgesamt 9 mal auf: 2 mal wie viel (früher wieviel), 5 mal Orthografie/ortho­grafisch statt Orthographie/ortho­graphisch und 2 mal st-trennung. In der Schweiz ist das alles. In Deutschland kämen natürlich die abweichungen beim ß hinzu: Es wären 24 ß einzusetzen, bei alter rechtschreibung 54 (davon 16 daß), was insgesamt 39 änderungen ergäbe – bei total 2747 wörtern.