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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

stellungnahmen → Die besseren schreibweisen
2019-7-5
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Der Bund für vereinfachte rechtschreibung nimmt stellung

Die besseren schreibweisen

Zu Stefan Stirnemann, «Die Bessere, Pardon, die bessere Schreibweise», ,

Nachweis unter presse und internet

Ein betrunkener verirrt sich in den zoo und steht vor den gitterstäben des löwenkäfigs. Er geht nach rechts, nach links, weiter und weiter, bis er rund herum und wieder an der gleichen stelle ist. Voller angst ruft er: «Hilfe, ich bin eingesperrt!» Das ist die erfahrung, die der bedauerns­werte herr Stirnemann mit der rechtschreibung macht. Anders ist es nicht zu erklären, dass er von schreib­befehlen, verbotenen und erlaubten schreibweisen, amtlicher lizenz spricht, dass sich an vorgaben halten müsse, wer in die öffentlichkeit tritt, dass der staat in die entwicklung der sprache eingreife, dass etwas von amtes wegen ausgeklammert werde usw. Die reformgegner sind natürlich nicht betrunken, aber trunken von obrigkeits­hörigkeit. Diese vor allem in Deutschland verbreitete unsitte und der damit verbundene soldatische drang nach einheitlichkeit haben für eine rechtschreib­reform eine gute und eine schlechte seite. Einerseits sorgt sie dafür, dass sich eine änderung schneller durchsetzt – bereits publizieren die lautesten reformgegner in neuer rechtschreibung. Andrerseits führen die zwänge, denen sich alte leute unnötiger­weise unterwerfen, zu dem von herrn Stirnemann so schön formulierten unsäglichen leiden.

In der Schweiz gibt es keine obrigkeit (ausser für herrn Stirnemann) und deshalb viel weniger aufregung. Eduard Blocher vom Deutschschweizerischen Sprachverein sah es 1920 pragmatisch: «Jedem Erwachsenen, der sich die Recht­schreibung angeeignet hat, mutet eine Neuerung auf diesem Gebiet Opfer zu. Je älter er ist, desto schwerer wird ihm das. Es sind aber Opfer, die wir unsern Kleinen, den Kindern und Enkeln bringen. In der Uebergangszeit, zehn oder zwanzig Jahre lang, wird man jedem von uns noch gestatten, bei der alten Uebung zu bleiben. Fürs Lesen aber werden wir uns sehr bald, in wenigen Jahren, vollständig an die neuen Wortbilder gewöhnen.»

Es ist ja noch schlimmer: «Das Regelwerk selber ist noch immer in Arbeit», jammert Stirnemann. Es ist für einen teologen und lateinlehrer gewiss schwer zu verstehen, aber «das menschliche Leben kennt heute keine Gewissheiten mehr, keine Fixpunkte. Dafür aber auch keine Starrheit und Langeweile. Der Wandel ist zum Dauerzustand geworden. Das mag vielleicht Angst machen, aber es ist eine viel ehrlichere Existenzform […], als in einer Zeit der Normen und Regeln zu leben, die eine falsche Realität als Orientierung erfindet.» – «Der gesellschaftliche Fortschritt bedeutet eben auch, dass wir uns vor der Wahlfreiheit nicht drücken, nicht verstecken können, sondern sie ummünzen müssen in Chancen, egal, in welchem Lebensbereich. Das bedeutet eben auch, falsche Entscheidungen zu treffen und sie umzukehren, wenn man sie als falsch erkennt.» (Tomasz Kurianowicz in der Neuen Zürcher Zeitung vom 15. 6. 2019)

Zu «jedem Erwachsenen, der sich die Rechtschreibung angeeignet hat», wie sich Eduard Blocher ausgedrückt hat, ist anzumerken, dass beispielsweise nur ein drittel der deutschsprachigen sich die kenntnis angeeignet hat, wie man «Rhythmus» schreibt. (Man darf wohl annehmen, dass der prozentsatz in anderen sprachen, wo z. b. ritmo geschrieben wird, höher ist.) Da sind ein paar gross­geschriebene adverbien die geringste sorge. «Wenn ein Fünftel der Grundschüler nach der vierten Klasse nicht richtig lesen und schreiben kann, was sagt uns das über die Eltern?» Das fragt der «Spiegel» – und spricht damit ausgerechnet den faktor an, der sich am wenigsten beeinflussen lässt. Was sagt uns das über die schule, die offenbar nicht sehr erfolgreich ist, deren vertreter aber keine notwendigkeit für eine reform sehen? Was sagt uns das über die rechtschreibung? Es sagt uns, dass Stirnemanns elaborierte vorstellungen von den aufgaben der schreibung jenseits der schreib- und lese­wirklichkeit sind und schon immer waren.

«Verdient unsere Sprache nicht ein besseres Regelwerk?» Lieber herr Stirnemann, die sprache ist keine person; sie braucht daher kein mitleid. Dagegen könnte man mehr an die menschen denken, die schon als kind fehlerfrei sprechen (das ist eben das sprachgefühl), aber ein leben lang die teorie- und typografie­überfrachtete ortografie nicht in den griff bekommen. Und wer früher mit «heissersehnt» gegen «heiss ersehnt» etwas anfangen konnte, kann das auch weiterhin.

Was ist zu tun? Stirnemann fordert, der staat müsse auf vorgaben verzichten. Eine superidee! Nur – erwachsenen hat er noch nie vorgaben gemacht. Die schul­behörden machen den schülern vorgaben. Das ist auf der ganzen welt so. Aber es muss nicht sein; gerne würden wir den lehrern empfehlen, nicht den duden von 2017 oder den von 1991 als vorgabe zu nehmen, sondern Grimms wörterbuch, das mit der kleinschreibung.

Rolf Landolt, Bund für ver­einfachte recht­schreibung, kleinschreibung.ch, gegründet 1924