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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

stichwort → einheitlichkeit
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einheitlichkeit

Definition

geografisch

Das bestreben, im ganzen sprachgebiet in der schule die gleiche norm zu lehren. Problem: grosse sprachgebiete erstrecken sich über mehrere staaten; dazu kommt eine föderalisti­sche organisation innerhalb der staaten, z. b. in Deutsch­land und in der Schweiz. Im deutschen sprachgebiet wurde die einheitlich­keit zu beginn des 20. jahr­hunderts erreicht, allerdings mit ausnahme der verwendung des ß. Die neuregelung von 1996 hat daran nichts geändert.

anwendung der norm

Das bestreben, alle sprach­teilnehmer dazu zu bringen, die schulnorm mit möglichst wenig spielraum anzuwenden. Damit wird die einheitlich­keit zum argument gegen

  • varianten von schreibungen
  • reformen
  • varianten von regel­systemen

vgl. auch

«… ist in der Tat alles, was man bei solchen Dingen suchen muß»

Georg Christoph Lichten­berg 1781 (nach Wort­schatz und Ortho­graphie in Geschichte und Gegen­wart, Tübingen 2000, s. 63)

Einigkeit ist in der Tat alles, was man bei solchen Dingen suchen muß, ja selbst mit einigem Verlust von Seiten der strengen Wahrheit erkaufen müßte, wenn Einigkeit nicht anders zu erhalten wäre.

Rudolf von Raumer, 1855

Auch eine minder gute Ortho­graphie, wofern nur ganz Deutschland darin überein­stimmt, ist einer voll­kommeneren vor­zuziehen, wenn diese voll­kommenere auf einen Theil Deutschlands beschränkt bleibt und durch eine neue und keineswegs gleich­gültige Spaltung hervorruft.

Peter Eisen­berg, Frankfurter All­gemeine Zeitung, 17. 4. 2009

Einheitlich­keit der Schreibung bleibt das stärkste Band im vielfältig ge­gliederten deutschen Sprach­gebiet.

Horst Haider Munske, Frank­furter All­gemeine Zeitung, 29. 7. 2000

Das war auch die größte Leistung Konrad Dudens: dass er in seinem Ortho­graphischen Wörter­buch von 1880 - gegen eigene frühere Reform­ideen - der tra­ditionellen Recht­schreibung in der Form der ver­einheitlich­ten preußischen und bayerischen Regeln zum Durchbruch verholfen hat.

Hans Krieger, Süd­deutsche Zeitung, 14. 8. 1998

Einheitliche Geltung im gesamten Sprach­raum aber ist zentraler Zweck jeder ortho­graphischen Regulierung; wird sie preis­gegeben, so hat die Normierung jeglichen Sinn verloren, und damit entfällt auch der Grund wie die Legitimie­rung für eine Reform dieser Normierung.

Gerhard Augst, zitiert von Alexan­der Smoltczyk, Der Spiegel, 25. 7. 2005

Die deutschen Lehrer haben im 19. Jahrhundert vom Staat eine ein­heitliche Recht­schreibung er­beten. Das war der Sünden­fall. Aus dem kommen wir jetzt nicht mehr heraus. Die Bürger wollen Regeln, der Duden antwortet mit Kasuistik und wird dick und dicker.

Ein Allein­gang der Schweiz ist kaum zu verantworten.

Fred Sinowatz, öster­reichischer unterrichts­minister, 1976

Ich möchte betonen, daß ein Allein­gang Öster­reichs nicht in Frage kommt.

prof. Völker, St. Gallen, Pädagogi­scher Beobach­ter, 8. 4. 1876

Warum sollten es aber die Schweizer, die es wagten, einen freien Staat mitten unter monarchi­schen und despoti­schen Staaten zu gründen, die andern Nationen voran­leuchten in humanen Institutio­nen und die durch ihre Girards, Pestalozzis und Fellen­berge eine gänzliche Um­gestaltung, in Deutsch­land wie in der Schweiz, im Erziehungs­wesen bewirkt haben, nicht auch wagen dürfen, den ersten Schritt zu thun für eine eigentliche Recht­schreibung, die gewiss nicht nur von allen Lehrern, sondern auch von der Masse des Volkes freudig begrüsst würde? Die Bahn einmal ge­brochen (und in der Schweiz beginnt sie sogar schon sich zu ebnen) würden die deutschen Staaten gewiss bald nach­folgen und auch andere Nationen, wie Franzosen und Engländer, würden ein Beispiel nehmen und der Zeitgewinn für er­spriesslichen Unterricht würde kein un­beträchtlicher sein.

«… gerade durch die Reform bedroht»

Christian Meier, Frank­furter All­gemeine Zeitung, 13. 8. 1997

Die Einheitlich­keit der deutschen Recht­schreibung ist also gerade durch die Reform bedroht. Denn es geht ja nicht nur darum, daß in den ver­schiedenen Bundes­ländern samt Öster­reich und den Schweizer Kantonen das gleiche gelehrt wird, sondern auch darum, daß die ver­schiedenen Teile der deutsch­sprachigen Gesellschaft und nicht zuletzt die Schrift­steller die gleiche Schrift schreiben.

Fernando Wassner, Frank­furter All­gemeine Zeitung, 24. 12. 1997

Natürlich steht es diesem oder jenem Poeten, sagen wir Ernst Jandl, frei, alles groß oder alles klein zu schreiben und - das gibt es - mit der Recht­schreibung spiele­risch musikali­sche Scherze zu treiben ("Dasdadur"). Aber das Leben wird - das ist ja nichts Schlechtes - zu­nehmend von Computern geprägt wie von Autos. Und da wird es dann brenzlig, denn die Pro­grammierer müssen weithin dieselbe Sprache schreiben wie die Benutzer. Denn falls ein Auto­mechaniker-Lehrling ein "Kappel" für die Batterie sucht, um den Strom­speicher mit der Licht­maschine zu verbinden, dann gehen teure Arbeits­stunden verloren, wenn der Pro­grammierer des Ersatzteil-Lager­verzeichnis­ses noch "Kabel" ge­schrieben hat. Woraus folgt, daß die Recht­schreibung gewiß langsame Wandlungen auch rechtlich verträgt, aber keine Re­volutionen und keine Beliebigkeit.

Wenn der lehrling jetzt erkennt, dass es vorteile bringt, sich an schreib­regeln zu halten, ist es ja nicht zu spät. Anders gesagt: Die schreibung ist auch ohne zwang so einheitlich, wie sie sein muss. Ein elektronischer suchvorgang ist im übrigen ein gutes beispiel – für die um­gekehrte schluss­folgerung: Pro­grammierer wollen uns gar nicht zu einheitlich­keit zwingen, ganz im gegenteil. Immer raffiniertere suchalgoritmen und frontend­techniken erleichtern den umgang mit varianten und tippfehlern.

Thomas Steinfeld, Frank­furter Allgemeine Zeitung, 26. 7. 2000

Es gibt keine ein­heitliche deutsche Ortho­graphie mehr.

Josef Kraus, Die Woche, 4. 8. 2000

Das eigent­liche Ärgernis ist der Verlust der Ein­heitlichkeit der Schrei­bung.

Fried­rich Denk, Tages-Anzeiger, 9. 8. 2003

«Errungen­schaft» bezeichnet, «dass eine Sprach­gemeinschaft eine ein­heitliche Schreibung pflegt». Nur wurde diese dank Konrad Duden seit 1903 existierende Ein­heitlichkeit von den Rechtschreibe­reformern für lange Zeit zerstört.

Reiner Kunze, suedkurier.de, 15. 8. 2008

«Die Einheitlich­keit der deutschen Recht­schreibung ist zerstört, die Sprache wird eine lange Leidens­zeit haben.»

Axel Springer AG, presse­mitteilung, 7. 3. 2006

Eine Einheitlich­keit existiert mit re­formierter Recht­schreibung nicht mehr.

Romanus Otte, Welt am Sonn­tag, 30. 7. 2006, Editorial

Die Recht­schreib­reform […] hat Ver­wirrung gestiftet, das Land ge­spalten und die Ein­heitlich­keit der Schreib­weise zerstört.

Jan Henrik Holst, janhenrikholst.de, 2. 2005

[…] heute ist die Ein­heitlichkeit der deutschen Recht­schreibung zerstört und unsere Schrift­kultur dem Dahin­siechen preis­gegeben.

Jens Jessen, Die Zeit, 3. 8. 2006

Was damit auf abseh­bare Zeit nicht zurück­kommt, ist freilich die Ein­heitlichkeit der Schreibung jen­seits der Schulen. Die Reform­gegner, die das beklagen, müssen sich aller­dings auch an die eigene Nase fassen: Sie haben mit ihren Blocka­den den Zustand der neuen ortho­grafischen Freiheit mit erzeugt. Das Ergebnis ist nicht ohne Ironie. Die An­hänger einer unwandel­baren Rechtschreib­autorität haben diese Autorität durch partisanen­hafte Abweichung ihrer­seits beschädigt.

«… die Grundsatzfrage nach dem Stellenwert der Einheitlichkeit»

Peter Wap­newski, Süd­deutsche Zeitung, 3. 12. 1997

In einer Reihe von Kon­ferenzen zwischen 1880 und 1902 wurde fest­gelegt, was noch heute im wesentli­chen gilt: ein Regel­system, das der Schulmann Konrad Duden auf der Basis des Preußischen Ortho­graphie-Wörter­buchs her­gestellt hatte. Man hat nicht gehört, daß diese Ver­einheitlichung die deutsche Sprache merklich ver­ändert habe – obwohl sie radikal vor allem dadurch war, daß sie die regional bis dahin gültigen Schreib­weisen außer Kraft setzte.

Matthias Wermke, Sprach­spiegel, 4. 2001

Auch hin­sichtlich der ge­schriebenen Sprache gibt es trotz der amtlichen Regelung von 1901 nur eine relative Einheit­lichkeit. Bis heute werden Leser mit Texten kon­frontiert, die nicht der amtli­chen Regelung von 1901 entsprechen.

Robert Nef, Schweizer Monats­hefte, 11. 2003

Schliesslich stellt sich auch die Grundsatz­frage nach dem Stellen­wert der Einheitlich­keit. Wie wichtig ist die rigorose Aus­schaltung von Streit­fragen und Grenz­fällen, wie schädlich ist eine Bandbreite, die regionalen Eigen­heiten und per­sönlichen Vorlieben Raum lässt?

Die Forderung nach völlig lücken­loser Uniformi­tät der Schreibung ist keines­wegs zwingend; im Bereich der schönen, auch der wissen­schaftlichen Literatur, erheben sich sogar sehr ernst­hafte Einwände gegen eine ortho­graphische Einheits­tyrannei.

Rudolf Walther, die tages­zeitung, 4. 12. 2006

Der Fetisch der Einheitlich­keit dient dazu, die mit der Rechtschreib­reform (und zum Teil gegen deren ur­sprüngliche Motive!) ge­wonnene Freiheit der Wahl aus ver­schiedenen Schreib­varianten zu denunzieren.

Martin Walser, Der Spiegel, 14. 10. 1996

Soll doch jeder, auf eigenes Risiko, schreiben, wie er will. Er will ver­standen werden, soll er's ver­suchen auf seine Art. Wie gut und eigen­artig hat das Goethes Mutter in den Briefen an ihren Sohn praktiziert.

Hans Magnus Enzens­berger, Der Spiegel, 14. 10. 1996

Ich zitiere Ihnen einen be­liebigen Satz aus Wie­lands "Ge­sprächen unter vier Augen": "Von einer Republik, die auf die Rechte der Menschheit ge­gründet seyn will, und mit den großen Zauber­worten, Freyheit und Gleichheit, Vernunft, Filosofie und Filanthro­pie, so viel Geräusch und Geklingel macht, sollte man doch wohl mit gutem Fug ein besseres Beyspiel erwarten dürfen." Wie viele "Schreib- und Komma­fehler" würden die Anbeter des Dudens in diesem Satz finden, je nachdem, welche Auflage ihrer heiligen Schrift sie gerade zu Rate ziehen? Sechs? Sieben? Acht? Dabei muß man schon ein ganz be­sonderer Trottel sein, um nicht zu begreifen, was Wieland meint und was niemand besser aus­drücken konnte als er.

Das zentrale Argument aller Rechtschreib­normierer ist, daß in der Moderne die Ein­heitlichkeit der Schrift­sprache höchste Priorität habe. Worauf sich diese Ein­heitlichkeit gründe, sei sekundär. […] Hauptsache, die Anzahl der konkurrierenden Schreib­varianten werde reduziert. Die Orthographie­reformer der Moderne hatten und haben tatsächlich regelrechte 'Ausrottungs­phantasien', was die Existenz von Varianten betrifft. Opfer sind dabei nicht nur die Buchstaben. Geopfert wurde und wird nicht nur die Regel­haftigkeit und Motiviert­heit der Schrift. Die Ver­nichtung von Varianz ist eine Geistes­haltung, die viele Bereiche usurpiert. Das Prinzip der Vernichtung von Varianz ist ein 'Gedanken­gift', das nicht nur den Sprachen, den Dialekten und Soziolek­ten gefährlich werden kann.

Unser land darf nicht abwarten, bis sich sämtliche kultus­minister, erziehungs­direktoren, alle romanti­ker und alle rationalis­ten zu einheits­glauben an die klein­schreibung be­kehrt haben: Jeder­mann und jedes land sollte den schritt vollziehen, wann es ihm beliebt.