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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

stichwort → autonomiehypotese
nachgeführt 26. 6. 2016

autonomiehypotese

Schrift (ge­schriebene sprache) ent­wickelt sich un­abhängig von der ge­sprochenen sprache und folgt anderen prinzipen. Gegensatz: dependenz­hypotese; schrift (wenigstens im fall der alfabet­schrift) ist eine sekundäre, zusätzliche, willentliche realisierung der gesprochenen sprache. Interdependenz­hypotese: geschriebene sprachform ist nicht sekundäre ausdrucks­form der gesprochenen, aber diese ist stets das modell für die verschriftung.

Pro

Horst Hai­der Munske, Frank­furter All­gemeine Zei­tung, 4. 10. 2004

Was Duden und andere Re­former be­wusst herunter­spielten, war, dass die Schrift sich gegenüber dem gespro­chenen Wort schon längst eman­zipiert hatte. Seit dem Mittel­alter – als Texte grund­sätzlich laut gelesen wurden – hatte sie sich vom reinen Laut-Code für das Ohr zu einem differenzier­ten System für das Auge entwickelt, das dem Leser durch gramma­tische und semantische Zusatz­informationen die Sinn­zu­sammen­hänge ver­deutlicht. Viele schein­bar unlogische Regeln erleichtern die visuelle Ver­arbeitung […].

Kontra

Sprache ist primär, Schrift ist sekundär.

Gerhard Stickel, Der Tagesspiegel, 1. 8. 2005

Es handelt sich bei der Schreibung weit­gehend nur um die Ver­packung, um die äußere Hülle der Sprache.

Elisabeth Leiss, Die regu­lierte §chrift, 1997, s. 57ff.

Bei der Alphabet­schrift, also bei der Ver­schriftung der Aus­drucks­seite, wird der Inhalt immer mit­asso­ziiert. Er ist so­zusagen 'in Ab­wesen­heit an­wesend'. Die Um­kehrung trifft eben­falls zu. Wird bei der Ver­schriftung einer Sprache der Inhalts­seite Priorität zugestanden, wird also der Inhalt durch die Schrift­zeichen sicht­bar gemacht, wie zum Beispiel im chinesischen Schrift­system, dann wird die ent­sprechende Aus­sprache sofort damit assoziiert. Ganz gleich, welches Schriftsystem man wählt, jedesmal gilt, daß jeweils nur die 'Hälfte der Sprache' sichtbar gemacht wird. Jedes dieser Schrift­systeme ist auf seine Art ökonomisch. Nicht mehr ökonomisch sind jedoch Alphabet­schriften, in die durch willkürliche ortho­graphische Normierungen einge­griffen wurde. Sie erzwingen eine doppelte Gedächtnis­leistung. […] Wer sich zusätzlich Wort­bilder merken muß, d.h. Bilder, die nicht automatisch evoziert und assoziiert werden, weil sie ja nicht zur Bedeutung, sondern wiederum nur zur Ausdrucks­seite gehören, verwendet ein Zeichensystem, das völlig unnötig und un­motiviert zusätzliche Gedächtnis­kapazität ver­schwendet. Der Vorteil eines guten Ver­schriftungs­mediums, nämlich daß nur die Hälfte des sprachlichen Zeichens materialisiert zu werden braucht, wird aufgegeben. Das Ver­schriftungs­medium wird somit nicht optimal genutzt. Orthographie­theoretiker haben für dieses Dilemma einen fragwürdigen Ausweg gefunden. Sie postulieren die Autonomie des Schrift­systems von der ge­sprochenen Sprache. Sie suggerieren damit, auch die Alphabet­schrift sei – ähnlich wie etwa das Chinesische – unab­hängig von der gesprochenen Sprache. Sie behaupten sogar, das für Alphabet­schriften charakteristische phono­graphische Prinzip sei gar nicht so wichtig. Es gebe weit wichtigere Prinzipien, die wirksam seien. Das trifft jedoch nicht zu oder stellt zumindest eine ungerecht­fertigte Über­treibung dar. […] Die These von der Autonomie der Alphabet­schrift ist dennoch auf über­raschende Resonanz gestoßen. Die Defekte einer durch orthographische Eingriffe verstümmelten Alphabet­schrift werden als prinzipien­geleitete Vorzüge umgedeutet.