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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

stichwort → dreikonsonantenregel
nachgeführt 2019-12-9
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dreikonsonantenregel

Geschichte

Amtsblatt der Stadt Zürich, 9. 1869

Schifffahrt.

Konrad Duden, Zu­kunfts­ortho­graphie, 1876 (= I. orto­grafische konferenz)

§ 5. Die Verdoppelung unterbleibt […] c) In den zuſammen­gesetzten Wörtern dennoch und Mittag, ſowie auch in Brenneſſel, Schiffart. Man ver­meidet in ihnen das Zuſammen­treffen dreier gleicher Konſonanten­zeichen, die man jedoch in weniger ge­bräuchlichen Wörtern zuläſst, z. B. in allliebend, Schallloch, Schnellläufer, Stillleben, Zolllinie, Schwimmmeiſter, Stammmutter, Stimmmittel, Betttuch u. ſ. w.

Abgren­zung nach häufig­keit.

Konrad Duden: Voll­ständiges Ortho­graphisches Wörter­buch der deutschen Sprache. 1880.

ausschnitt

In betreff des Zusammen­treffens dreier gleicher Kon­sonant­zeichen in zusammen­gesetzten Wörtern folgt das Wörterbuch der preußischen Regel. Nach dieser schreibt man dennoch, Dritteil, Mittag, Brennessel, Schiffahrt. In allen übrigen Wörtern, in welchen durch Zusammen­setzung drei gleiche Konsonanten zusammentreffen, behaupten alle drei ihren Platz; z. B. Betttuch, Schwimmmeister. Das bayerische Regelbuch schreibt vor, daß in allen Wörtern, in denen durch Zusammen­setzung drei gleiche Konsonant­zeichen zusammen­stoßen würden, eins aus­zulassen sei; also z. B. auch Schalloch, Bettuch, Kammacher; aber Rückkehr, Schutzzoll.

«Urduden»: wie I. orto­grafische konferenz.

  ausschnitt ausschnitt ausschnitt

Betttuch, Schiffahrt, Stillleben.

inserat in einer zürcher zeitung, 8. 1891

Schifffahrt.

Konrad Duden: Ortho­graphisches Wörter­buch der deutschen Sprache. 1904.

Wenn bei Zusammen­setzungen drei gleiche Kon­sonanten zu­sammen­treffen, z. B. in Brennnessel, Schifffahrt, Schnellläu­fer, so kann man davon einen aus­fallen lassen; man darf also schreiben Brennessel.

Es handelt sich um eine typo­grafische, durch­aus nicht zwingende spar­schreibung.

Konrad Duden: Ortho­graphisches Wörter­buch der deutschen Sprache. 1915. XII.

Wenn bei Zusammen­setzungen drei gleiche Mit­laute zwischen Selbst­lauten neben­einander zu stehen kommen, so ist einer davon zu streichen.

Eine folge der ver­schmelzung des all­gemeinen Ortho­graphi­schen Wörter­buchs und des so genannten buch­drucker­dudens: Die regelung wird strikter.

Vorschlag «kleine rustsche reform». 1944.

In zusammen­setzungen werden kon­sonanten nur zweimal ge­schrieben: Schiffahrt, aber auch Schiffracht.

Ausweitung der regel.

Heinz Erich Walter, korrektor, Sprachspiegel, 7. 1966.

Auf völliges Unverständnis stößt jene Aus­nahme von der Aus­nahme, daß von drei gleichen Mit­lauten, auf die ein weiterer Konsonant folgt, keiner ausfällt: Sauer­stoffflasche, Papppla­kat. Die technischen Schwierigkeiten der Fraktur-Ligaturen sind doch schon längst über­wunden! Und wer außer einigen Kor­rektoren kennt dieses Regelein? Es wäre dringend erforderlich, daß ein Fachmann einmal die histo­rischen Einflüsse der Satz­technik auf die Recht­schreibung unter­suchte! Er würde beweisen, daß das unsinnige Verbot der st-Trennung und die Erhaltung der drei gleichen Konso­nanten vor einem vierten auf den Ligaturen der Fraktur­zeit beruhen. Solche über­holte Buch­drucker­regeln zu ändern, bedarf es keiner Rechtschreib­reform.

Ortografie oder typo­grafie?

Lutz Mackensen: Deutsche Recht­schreibung. 1968.

Wir ſchlagen […] vor, drei gleiche Mit­laute zu meiden: Schnelläu­fer […], aber auch Ballettrup­pe […], Sauer­stofflasche.

Wieder die aus­weitung der regel.

Duden, die deutsche Recht­schreibung. 20. auflage, 1991. R 204.

Treffen bei Wort­bildungen drei gleiche Kon­sonanten zu­sammen, dann setzt man nur zwei, wenn ein Vokal (Selbst­laut) folgt.

Schiffahrt, Brennessel, Balletthea­ter (th, griech. ϑ, gilt hier als ein Buchstabe), wetturnen.

Bei Silbentrennung tritt der dritte Konsonant wieder ein. Schiff-fahrt, Brenn-nessel, Ballett-theater, wett-turnen. […]

Nach ck darf k nicht ausfallen, und nach tz bleibt z erhalten.

Folgt auf drei gleiche Konsonanten noch ein anderer, vierter Kon­sonant, dann darf keiner von ihnen weg­fallen. Aus­puffflam­me, Papppla­kat, Bal­letttruppe, fetttriefend.

Treffen drei s aufeinander, wenn ss als Ersatz für ß steht, dann werden immer alle drei s geschrieben, also auch bei folgendem Vokal.

Zwingende regeln für immer mehr spezial­fälle bei un­veränderter grund­lage, der amtlichen regelung von 1902.

Neuregelung von 1996.

 

Die regel entfällt.

Duden, die deutsche Recht­schreibung. 21. auflage, 1996, s. 63. R 136.

Treffen bei Zusammen­setzungen drei gleiche Buch­staben zu­sammen, darf keiner von ihnen weg­fallen.

Kaffeeer­satz, schneeer­hellt, Aus­puffflamme, Schifffahrt, Papppla­kat, Brennnes­sel, Bal­letttrup­pe, Kon­gressstadt, fetttrie­fend

Eine Aus­nahme bilden die Wörter „den­noch“, „Drit­tel“ und „Mit­tag“.

Zur besseren Lesbarkeit kann ein Binde­strich gesetzt werden <§ 45 (4)>.

Kammma­cher, auch: Kamm-Macher
Zooorches­ter, auch: Zoo-Orchester
stick­stofffrei, auch: Stickstoff-frei

«Nichtregel» für die übergangs­zeit im sinn von: «Wo es buch­staben hat, darf man keine weg­lassen.»

Duden, die deutsche Recht­schreibung. 22. auflage, 2000, s. 88. K 169.

Treffen bei Zusammen­setzungen drei gleiche Buch­staben auf­einan­der, kann zur bes­seren Lesbar­keit ein Binde­strich gesetzt werden <§ 45 (4)>.

Kaffeeer­satz, auch Kaffee-Ersatz, Kunst­stofffla­sche, auch Kunst­stoff-Flasche, Kon­gressstadt, auch Kon­gress-Stadt, Geschirrrei­niger, auch Geschirr-Reiniger, Kennnum­mer, auch Kenn-Nummer

[Hinweis:] Bei der Zusammen­schreibung ohne Binde­strich darf keiner der drei Buch­staben ent­fallen.

(Eine Aus­nahme bilden die Wör­ter „dennoch“, „Drittel“, „Mittag“ <§ 4 (8)>.)

Brennnes­sel, Schifffahrt, schneeer­hellt, hellli­la, grifffest, schnellle­big, stick­stofffrei, fetttrie­fend, Bal­letttruppe

«weiter­führende Hinweise, Er­läuterungen oder Emp­fehlungen zu be­stimmten recht­schreiblichen oder anderen Zweifels­fällen»

Zitate zur neuregelung von 1996

S. Stirnemann, rechtschreib­reform.com, 20. 4. 2002

Im 19. Jahrhundert war das Ausschreiben aller drei Konsonanten des Kompositums tatsächlich aktuell. Aber das ist lange her. Durch Assimilation ging nämlich der dritte Konsonant im Kompositum verloren, wenn ihm ein Vokal folgte. […] Man tut gut daran, getreu dieser Ent­wicklung auch weiter­hin zu verfahren […]. Der Reformer (als solcher Welt­verbesserer faschistoid-chauvinistischer Aus­richtung) denkt nämlich folgender­maßen: „Trenne ich mit drei Konsonanten (Brenn-nessel), dann ist es doch nur logisch, auch ohne Trennung Brennnessel zu schreiben.“ Aber er fragt sich nicht, warum dieser Weg auf einmal logischer sein soll als der Lauf der „natürlichen“ Entwicklung. Und vor allem fragt er sich nicht, warum die Entwicklung auf einmal grundlos zurück­gedrängt werden soll. Weshalb wir uns fragen: Was soll der Unsinn?!

Mannheimer Morgen, 29. 7. 2000

Der Schriftsteller Ralph Giordano […] wird mit den Worten zitiert: "Bravo, bravissimo! — endlich ein Ende mit dem Klamauk der so genannten neuen Recht­schreibung. Schifffahrt mit drei 'f'? Nur über meine Schriftsteller­leiche!" Dass er zuvor schon die Sauerstofffla­sche mit drei 'f' schreiben musste, hat seine Tätigkeit aber offenbar nicht beein­trächtigt.

Matthias Heine, Welt am Sonntag, 9. 10. 2011

Darüber, dass man in zusammengesetzten Substantiven jetzt immer dreimal denselben Konsonanten hinter­einander schreiben muss - "Schifffahrt", "Bal­letttänzerin" -, regen sich wohl nur noch Recht­schreib-Taliban auf. Denn so etwas musste man auch schon vorher machen, wenn auf den Mehrfach­konsonanten ein weiterer Konsonant folgte und das Wort an dieser Stelle getrennt oder gekoppelt geschrieben wurde wie in "Ballett-Truppe" oder "Schiff-fracht". Hier ist das Regel­werk also ein bisschen leichter und logischer geworden.

Die gegner verteidigen etwas, was sie nicht kennen:

Max F. Ruppert, Die Welt, 10. 2. 1999

Ingeborg Krupar, Die Welt, 19. 2. 1999

leserbrief zu "Bei Rechtschreib­problemen hilft das Grammatische Telefon"

Nordkurier-Online, 2. 8. 1999

Bei "Pappplakat" sträuben sich dem Kulturamts­chef die Haare. Die Rechtschreib­reform auf dem Weg in die Amtsstuben - doch will­kommen ist sie dort nicht

Doch Jakubzik bemängelt an der neuen Sprach­vorschrift nicht so sehr die Reibungs­verluste der Umstellung. Seine Kritik zielt tiefer: "Diese sogenannte Reform ist völliger Quatsch. Eine unaus­gegorene Sache, die niemandem nützt und zu einem Sprachchaos führt", wettert der studierte Deutsch­lehrer, der die Aktion persönlich als halbherzig und im Sinne der Sprach­entwicklung rück­schrittlich ablehnt. "Wenn ich Wörter wie Pappplakat lese, sträuben sich mir die Haare."

Wie hat der kulturamtschef Pappplakat vorher geschrieben?

Carolin Mülver­stedt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. 7. 2000

Großes Erstaunen löst häufig auch die Erkenntnis aus, dass „Kunststoffflasche” schon bisher mit drei „f” zu schreiben war […].

newsclick.de (Braun­schweiger Zeitungs­verlag), 15. 9. 2000

Ihre Lehrer sind zwei Jahre nach der verbindlichen Einführung der neuen Rechtschreibung im Unterricht immer wieder auf­flackernde Diskussionen um Tip oder Tipp, Papplakat oder Pappplakat leid. […] Der stell­vertretende pädagogische Leiter der Kreis­volkshoch­schule (KVHS) erlebt in Kursen zum zweiten Bildungs­weg, dass sich Schreib­weisen wie Pappplakat gut vermitteln lassen, Zu­sammen- und Getrennt­schreibung aber weiterhin Probleme bereiten.

Es ist erfreulich, dass sich Pappplakat gut vermitteln lässt. Man hat es ja auch schon immer so ge­schrieben. Es ist wohl wirklich so: Eine rechtschreib­reform lässt sich höchstens dann vermitteln, wenn sich nichts ändert.

Karl-Heinz Reith, Südkurier, 1. 8. 2003

Reinhard Kahl, Uni­versitas, 10. 2004

Zum Beispiel Peter Müller, Minister­präsident in Saar­brücken. Der frisch erweckte Orthografie­populist bekennt, wie froh er nun sei, bald wieder „Sauer­ststoffflasche“ mit einem f weniger schreiben zu dürfen. Falsch, Peter. Setzen! Auch nach den Regeln seiner alten Schreib­orthopädie müssen hier drei f sein […].

Ulrich Wickert, ARD-«tages­the­men», 3. 6. 2005, 23:10

Trotzdem, eins verspreche ich Ihnen, meine Damen und Herren: Solch einen Schwachsinn wie Schiffahrt mit drei f und Ballettruppe mit drei t werde ich nie schreiben, selbst wenn ich dann eine schlechte Note bekomme.

Wenn «mister Tages­themen» bisher «Ballettruppe» mit 2 t ge­schrieben hat, hat er kaum gute noten bekommen.

Komposita mit namen

Problem: Die komposita werden oft als eigennamen betrachtet; dazu kommt die falsche meinung, dass sich alle arten von namen nicht nach der recht­schreibung zu richten haben. Konsequenz: Da sich die frühere regel für die wort­trennung am zeilenende nicht aufrecht erhalten lässt, muss Glat-tal, Rot-tal und Nydeg-gasse in kauf genommen werden:

zeitungsausschnitt
prospekt

Kommunikations­abteilung des regierungs­rates des kantons Zürich, medien­mitteilung, 5. 12. 2002

Jakob Bächtold, Der Landbote, 26. 1. 2002