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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

stichwort → varianz
nachgeführt 2019-6-25
ortografie.ch ersetzt in zukunft sprache.org ortografie.ch ersetzt in zukunft sprache.org

varianz

definition

Tolerierung mehrerer schreibungen innerhalb eines regelwerks.

gegensatz

problem

Varianten entstehen u. a. bei änderungen der schreibung (reformen, angleichung von fremdwörtern). Die (evtl. vorüber­gehende) weiter bestehende «gültigkeit» der früheren variante soll die akzeptanz neuer schreibungen erhöhen. Bei der letzten neuregelung wurde in einigen fällen die (auch von uns angestrebte) reduktion von unterscheidungs­schreibungen «entschärft».

Null varianz ist nicht möglich, aber im interesse der regel­haftigkeit der schreibung strebt man möglichst wenig varianz an.

beispiele

ghetto/getto, portrait/porträt, sitzen bleiben/sitzenbleiben, komma zwischen hauptsätzen.

Beispiel für die unterscheidungs­schreibung: vor 1996 sitzen bleiben = wörtliche, sitzenbleiben = über­tragene bedeutung; 1996 sitzen bleiben = wörtliche und übertragene bedeutung; 2006 sitzen bleiben = wörtliche und übertragene bedeutung (also eine variante), sitzenbleiben = übertragene bedeutung.


Die „Schulorthographie“ […] enthält – zum Leid­wesen der Setzer und der Kor­rektoren, die am liebsten für jedes Wort und jede Wortform nur eine Präge hätten – eine Anzahl von Doppel­schreibungen; aber diese sind un­vermeidlich. Denn erstens giebt es für einzelne Wörter zwei gleich­berechtigte Aus­sprachen, oder vielmehr zwei ver­schieden, aber beide richtig gebildete Formen, denen auch zwei Schreibungen entsprechen müssen, z. B. in Hülfe und Hilfe. Und zweitens ist für den, der nicht radikal verfahren kann oder will, die Zu­lassung der neuen, dem Grund­satze der ein­fachen Laut­bezeichnung ent­sprechende Form neben der an sich minder guten, aber noch üblicheren, das beste Mittel, die Herr­schaft der besseren Schreibung anzubahnen. Das gilt z. B. für z neben c in manchen Fremd­wörtern.

Konrad Duden, Ortho­graphisches Wörter­buch, 8. aufl., 1905

Das Ergebnis der Ortho­graphischen Konferenz von 1901 war nur dadurch zustande gekommen, daß die Anhänger verschiedener Richtungen sich gegen­seitig Zu­geständnisse machten. Das geschah meistens durch Zulassung von Doppel­schreibungen […]. Den Ge­lehrten, die sich über Formen wie Akzent, Kuvert u. dgl. entsetzten, stellte man nach wie vor Accent, Couvert zur Ver­fügung. So stehen denn die gelehrten Schreibungen oft friedlich neben den volks­tümlichen. Das befriedigte aber die nach bestimmten Vor­schriften Suchenden durchaus nicht.

Peter Müller, LEAD, Newsletter der SDA-Gruppe, 12. 2007

Varianten sind in der grafischen Industrie unbeliebt. Sie sind kosten­treibend, weil sie zu Unsicherheit führen, weil Haus­orthographien erstellt werden müssen, die natur­gemäss unter­schiedlich ausfallen. Schon früh in der Geschichte der Verein­heitlichung der Recht­schreibung drängten die Buchdrucker auf Festlegung auch der schwierigen Bereiche Gross- und Klein­schreibung und Getrennt- und Zusammen­schreibung. Konrad Duden tat ihnen den Gefallen und brachte 1903 den Buch­drucker-Duden heraus, der 1915 mit Dudens Ortho­graphischem Wörter­buch zum Duden vereinigt wurde.

Jan Fleisch­hauer und Christoph Schmitz: Hit und Top, Tipp und Stopp. Der Spiegel, 2. 1. 2006

[…] zwei Schreibweisen für ein und dasselbe Wort führen zur Ver­wirrung. Dass Schüler ent­scheiden können zwischen Porte­monnaie (alt) oder Portmonee (neu), macht es ihnen nicht leichter. „Schreibt einfach Geld­beutel“, rät die Lehrerin der Klasse.

Peter Müller, srf.ch, schwei­zer fern­sehen SRF 1, Tages­schau, 9. 8. 2015

Die rechtschreibung ist nicht ein­facher geworden, sondern kompli­zierter. Die schüler […] müssen jetzt nämlich wissen, wo es varianten gibt und wo nicht.

Nein, sie müssen nur je­weils 1 ler­nen.

neu gri, for­schung-und-leh­re.de,

Verwirrung und Frustra­tion der Rat­suchenden wer­den laut GfdS ins­gesamt vor allem deut­lich, wenn es kein Richtig und Falsch gebe, sondern mehre­re kor­rekte Varian­ten neben­einander existier­ten.

Ralf Oster­winter, Sprach­spiegel, 2. 2002

Grundsätzlich gegen Schreib­varianten spricht vor allem das bei Lesenden und Schreibenden gleicher­massen weit verbreitete Bedürfnis nach Ein­heitlichkeit und Ein­deutigkeit, das die Reform­kommission ver­mutlich unter­schätzt hat. Dass die neue Varianten­vielfalt vom Gros der Sprach­teilhaber keineswegs als Erweiterung ihrer sprachlichen Ausdrucks­möglichkeiten begrüsst wird, zeigt sich in vielen der täglich rund 180 Anrufe in der Duden-Sprach­beratung. Die gewachsene Wahl­freiheit wird offen­sichtlich nicht selten als Qual der Wahl empfunden und deshalb rundweg abgelehnt.

Redaktion und Verlag, Die Welt, 1. 8. 2006

Die im März 2006 endgültig beschlossene Reform erlaubt nun eine solche Viel­zahl von Schreib­varianten, dass die Ein­heitlichkeit der deutschen Recht­schreibung ge­fährdet ist.

Deutschlandradio, Deutschland­funk, 1. 8. 2007

Nach Ansicht von Fritz Elster, Leiter der Schluss­redaktion der "Süd­deutschen Zeitung", hat der "Duden" durch die Angabe von drei Schreib­möglichkeiten die Ein­heitlichkeit der deutschen Schrift­sprache zerstört.

Alois Grichting, Walliser Bote, 6. 5. 2011

Mit der Zulassung von «Es tut mir leid» als «Variante», verdeckten die Po­litiker nur die ihnen vom «Volk» auf­gezwungene und peinliche Rückkehr zur her­kömmlichen Schreibweise. […] Dieses durch die heuchlerische «Varianterei» ent­standene Chaos ist auch noch 2011 gewaltig. Es verleitet die Schüler zur Meinung, Rechtschreibung sei gar nicht wichtig, ja beliebig.

Es ist sogar zulässig, sich auf unter­schiedliche Regeln zu berufen. Das er­scheint auf den ersten Blick nicht so wichtig, tat­sächlich ist es aber so, dass mit dieser Be­liebigkeit in der Sprache ein wesentli­cher Teil der deut­schen Identität ver­nichtet wird.

Edgar Haberthür, NZZ am Sonntag, 26. 10. 2003

Jürg Amann, Schweizer Monats­hefte, 11. 2010

Und ich - als Beispiel, das ich aus der eigenen Er­fahrung kenne - aus Ver­legen­heit ins Im­pressum meiner neuen Bü­cher, die in meinem öster­reichischen Verlag erscheinen, Er­klärungs­notsätze wie "Die Schreib­weise des Autors orientiert sich an der schweizerischen moderaten neuen Recht­schreibung der Neuen Zürcher Zeitung» oder zuletzt "Die Recht­schreibung des Autors orientiert sich an den Empfehlungen der Schweizer Or­tho­graphischen Konferenz SOK» drucken lassen muss; während die Bücher, die in meinem Ham­burger Verlag erscheinen, un­deklariert einer moderaten deutschen neuen Recht­schreibung ver­pflichtet sind. Von den verschie­densten Schreib­weisen in den ver­schiedensten Anthologien und den Nach­drucken in Schul­büchern gar nicht zu sprechen. Ein Unding natürlich.

Ein unding natürlich. Ein ding wäre: "Die schreib­weise des au­tors orien­tiert sich am moderaten vor­schlag des Bundes für verein­fachte recht­schrei­bung."

Der Spiegel, 19. 6. 1995, s. 107

Könnten Sie nicht gelegentlich sagen: Das stellen wir frei? Der Gedanke, Freiheit zu gewähren, ist der Duden­redaktion völlig fremd, wie uns scheint. Drosdowski: Ja, der ist uns fremd, und der muß uns fremd bleiben. Wenn die Reformer ratlos und uneinig sind - eine für sie ziemlich typische Situation - und sich nicht für die eine oder andere Regelung ent­scheiden können, meldet sich immer irgend jemand zu Wort und ruft: Liberalisieren! Das ist Gift für die Recht­schreibung. Wir brauchen Klarheit. Aber je stärker man das Schreiben liberalisiert, desto schwerer macht man das Lesen. Der Leser erwartet eine gleiche Schreib­weise, kein Neben- und schon gar kein Durch­einander. Und was soll der Lehrer tun? Den Schülern sagen, schreibt, wie ihr wollt?

Lukas Hart­mann, Neue Zürcher Zeitung, 16. 8. 2004

[…] ich finde es noch abstruser, wenn aufgebrachte Gymnasiallehrer und Schrift­steller in der Gämse den Nieder­gang der deutschen Sprache zu er­kennen glauben. Sollen sie doch weiter­hin Gemse schreiben (das tue ich auch) und ihren Schülern beide Schreib­weisen durch­gehen lassen. Sind wir denn nicht fähig, bei den wenigen strittigen Fällen mehrere Schreib­weisen neben­einander zu er­tragen? Die ortho­graphische Anarchie war, nebenbei gesagt, zur Goethe-Zeit weit grösser als heute, und dennoch haben sich Brief­freunde, die ganz unter­schiedlich schrieben, ohne Schwierigkeiten verstanden.

Elisabeth Leiss, Die regulierte §chrift, 1997, s. 98f.

Lesende müssen […] ein Wort nicht Buchstabe für Buch­stabe wie ein Scanner abtasten. Es werden nur soviele Grapheme dekodiert als für das Ver­ständnis nötig sind, dann wird der Dekodierungs­prozeß abge­brochen – es sei denn, man stellt auf den 'Korrektur­lesemodus' um und arbeitet jedes Wort linear ab. Die Leser der Moderne, die auf einer total normierten Ortho­graphie bestehen, weil sie sich sonst ge­stört fühlen, haben sich un­nötiger­weise dauerhaft in den primitiveren 'Korrektur­lesemodus' ge­zwungen. Einen funk­tionellen Vorteil hat diese Selbst­disziplinierungs­maßnahme nicht. […] Nur wer durch das Orthographie­diktat zwanghaft geworden ist, reagiert er­schüttert, wenn neben Kaiser auch Keiser oder Keyser etc. ge­schrieben wird.

Die Doppelherrschaft von alter und neuer Recht­schreibung hat unbeab­sichtigt einen enormen Zi­vilisations­gewinn gebracht. Die alte Leit­differenz von „richtig – falsch“, die immer nur eine Lösung durch­gehen lässt, wird nun im Alltag von der über­legenen Unter­scheidung „möglich – nicht möglich“ durch­setzt und langsam abgelöst. „Möglich – nicht möglich“, das ist etwas ganz anderes als die befürchtete Be­liebigkeit, gar Anarchie im Schreiben!