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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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nachgeführt 2020-3-28
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schule

«… der Ort, an dem sich die Reform entscheidet»

Die Schule ist der Ort des Schreiben- und Lesen-Lernens und damit auch der Ort, an dem Recht­schreib­fähigkeiten erwor­ben werden.

«Daß wir nämlich niemals durch die Literatur […], sondern nur durch die Schule zu einer ein­facheren Recht­schreibung ge­langen werden, ist mir zweifel­los.»

, Histori­sche Anthro­pologie,

Der Reichstags­abgeordnete Reichens­perger betonte 1880, dass die „ganze Be­wegung“ in Richtung auf eine ein­heitliche, staatlich verordnete Ortho­graphie „eigent­lich eine spezifisch schul­männische“ sei. Der Historiker Heinrich von Treitschke meinte, der preußische Kultus­minister von Putt­kamer war „in einem für Beamte sehr ver­zeilichen Irrtum befangen gewesen“, nämlich zu glauben, in der Frage der Ortho­graphie sich an die Gut­achten der Lehrer halten zu müssen.

Jan Fleischhauer und Christoph Schmitz, Der Spiegel, 2. 1. 2006

Die Schule ist der Ort, an dem sich die Reform entscheidet.

Reu., Frankfurter All­gemeine Zeitung, 29. 7. 2000

Die Kultus­minister nehmen die Schüler als Geiseln, um die Bevölkerung zu erpressen […].

Michael Hochgesang, Welt und Wort, 1973, nr. 2, s. 136f

Die Schule kann ihren Stoff wohl aus­wählen, aber sie kann die Welt nicht nach ihren Zwecken ändern. Sie kann nicht Berge und Flüsse abschaffen, weil sie gern ihren Geographie­unterricht ver­einfachen möchte.

Gernot Hol­stein, volks­begehren „Schluß mit der Recht­schreib­reform“, land Berlin, 15. 3. 1999

In das Schulgesetz für Berlin wird fol­gender § 19 a ein­gefügt: Aufgabe der Schule ist es, die in der Sprach­gemeinschaft gewachsene und von der Be­völkerung all­gemein anerkannte tradi­tio­nelle Recht­schreibung nach­zuvoll­ziehen und die Schüler in dieser zu unter­richten.

Und wer entscheidet, welche rechtschreibung allgemein anerkannt ist und wie weit sie wach­sen darf? Natürlich der staat, wenn es ein solches gesetz gäbe. Sonst fordern die reform­gegner immer die «Entstaatlichung der Recht­schreibung».

Peter von Polenz, Geschichte der deutschen Sprache, 2009, s. VIIIf.

Das städtische Bürgertum benötigt für Handel und Gewerbe Menschen mit einer Schul­bildung, die die elementaren Kultur­techniken Lesen, Schreiben und Rechnen be­herrschen und keiner la­teinisch fundierten klerikalen Bildung bedürfen. So überrascht es nicht, dass zunächst Pädagogen eine Einheits­sprache fordern und dann pädagogisch motivierte Grammatiker zu dieser Einheits­sprache führen. Damit ist die ‹neuhoch­deutsche› Periode erreicht, in der das Deutsche […] eine außer­ordentlich kunst- und aus­drucks­volle Literatur­sprache wird.

Daß die bezeichneten Irrtümer [subs­tantiv­grossschreibung, dehnungs­zeichen und damals die fraktur] noch immer von der Schule aus als Wahrheiten verbreitet werden, ist der eigen­tümlichen, alt­hergebrachten Schul­verfassung zu­zuschreiben, welcher gemäß, während die Vorgesetzten jedes anderen Berufes aus dem eigenen, ihnen bekannten Be­rufs­kreise hervor­gehen, die mit der Ueber­wachung des Unterrichts beauf­tragten Beamten nicht aus dem Lehrer­stande, sondern noch immer aus anderen Berufs­kreisen erwählt werden.

Scope, institut für markt- und meinungs­forschung, Luzern, 1973

Die initiative für die klein­schreibung er­wartet das publikum vor allem von den schul­behörden (49%).

«Die Hauptleidtragenden …»

Rudolf Hotzen­köcherle, Deutsch­unterricht, 1955, h. 3, s. 35

Die Haupt­leidtragenden sind bekanntlich die Schüler und Lehrer. Sie haben unbe­streitbar den ab­schreckendsten Einblick in die Schwierig­keiten, welche die Er­lernung der deutschen Orthographie auftürmt. […] Es ist schon so: gerade die Grossschreib­regeln zwingen zu einem Aufwand an Zeit und Kraft, der zu ihrem Bildungs­wert in einem durchaus un­glücklichen Verhältnis steht.

Otto von Greyerz, O mein Heimat­land, 1926

Die volksschul­lehrer leiden am meisten von allen berufs­arten unter den schi­kanen unserer recht­schreibung; sie haben die saure pflicht, die kinder an ein system von schreibregeln zu gewöhnen, das weder den kindlichen verstand noch die logik des reifen menschen befriedi­gen kann. […] Eine unendliche zeit, mühe und gute laune muss diesem haupt­götzen der recht­schreibung geopfert werden.

Karl Korn, Frankfurter All­gemeine Zeitung, 12. 5. 1959

Die armen Schulkinder? Ach, dieses weh­leidige Geschrei! […] Wenn Sprache und Schrift schwer sind und schwer erlern­bar, so lohnen sich Schweiß und Mühe.

Hans Messelken, Praxis Deutsch, mai 1974, s. 19

In der öffentlichkeit sollte verstärkt und immer wieder diskutiert werden, ob die gesellschaft wirklich will, dass ein viertel bis die hälfte des sprach­unterrichts durch übung der gross/klein­schreibung, der dehnung, bzw. kürzung und des /s/-lautes vertan werden soll, oder ob man sich nicht doch zu einer reform dieser drei bereiche ent­schliessen will.

, Histori­sche Anthro­pologie,

So zeigte z. B. der Oberlehrer Dr. Paul Richert aus Berlin in seinem „erkenntnis­theoretischen Essay“ über Sprache und Schrift eine äußerst pragmatische Heran­gehens­weise: Weil der Schüler die komplizierte und vielfach unlogische deutsche Orthographie zu erlernen hatte, müsste er „so überaus viele kostbare Zeit vergeuden […], die man […] viel nützlicher auf die wirklich ernsten Wis­senschaften verwenden könnte. Weshalb muss es denn sein, daſs gerade auf das Richtig­schreiben, das elementarste aller Hilfs­mittel für die realen Wissens­fächer eine solche Unsumme von Arbeit ver­wendet wird, wenn man dasselbe Ziel vielleicht in der halben Zeit erreichen kann. Warum richtet man es nicht lieber so ein, dass man auf den Unterricht im Richtig­schreiben nur ebensoviel oder ebenso­wenig Zeit zu verwenden hat, wie auf das Richtiglesen. Blos weil man die Mühe scheut, einen Augias­stall zu rei­nigen, in welchem jahrhunderte­alte Irr­tümer eine Unmasse von Unrat auf­gehäuft haben, konserviert man diesen Unrat mit allerlei schönen sentimentalen Redensarten“. Zur Begründung seiner Vor­schläge zur Ver­einfachung der deut­schen Orthographie und ihrer An­näherung an die Aussprache durch Ver­minderung der Buchstaben­zahl führte Dr. Richert folgende Überlegungen an: Der Erst­klässler hatte acht Alphabete zu er­lernen, die großen und die kleinen Buch­staben, hand­schriftlich und gedruckt in Fraktur und Antiqua. Wenn es weniger Buchstaben gäbe, würde es auch we­niger Fälle geben, in welchen der Schüler nicht wüsste, wie er ein Wort schreiben müsse. Er geriete nicht mehr in Gefahr, ‚für’ mit v zu schreiben; und es würde ihm nicht als Fehler angestrichen werden, wenn er ‚Vater’ mit f schriebe. Und man würde sich nicht mehr mit un­logischen Schreibungen abfinden müs­sen. Der Kultus­minister, der eine vom Richert (und vielen anderen Lehrern) ge­forderte ver­einfachende Orthographie-Reform durch­führen würde, „würde sich sehr verdient machen nicht nur um die deutsche Schrift­sprache, sondern ins­besondere um die lernende Jugend, die mit der Vermeidung eines jeden der heu­te so zahlreich gemachten ortho­graphi­schen Fehler ihm unbewuſst einen stummen Dank abstatten würde.“ Dass man die Zahl der Rechtschreib­fehler vermindern könnte, indem man ein­fache­re Regeln erarbeitete, war ein Gedanke, den tausende von Lehrern in Deutsch­land teilten. Eine kritische Masse, welche eine durch­greifende Reform hätte initi­ieren können, wurde jedoch nie erreicht.

« … zu einer kritischen Einstellung … befähigen»

Josef Kraus, Frank­furter All­gemeine Sonn­tags­zeitung, 6. 8. 2000

Wenn sich bei Schülern die Vorstellung breitmacht, das, was mir der Lehrer bei­bringt, ist nicht un­umstritten, dann wird sich auch die Einstellung fest­setzen, man könne die Schreibung ein bißchen locker hand­haben. Das ist das Ende einer exakten Diktat­benotung.

Unser standpunkt: Bei allen schülern muss sich die vor­stellung breitmachen, alles, was mir der lehrer beibringt, ist nicht un­umstritten. Das ist eine voraus­setzung dafür, dass aus dem schüler ein mün­diger, auf­geklärter bürger wird. Die skan­dalöse ein­stellung des deutschen lehrer­verbands­präsidenten erklärt, warum die deutschen so sind, wie sie sind. Vgl. freiheit.

Bernhard Weisgerber, ver­nünftiger schreiben, 1974, s. 72

Ein apodiktisch-unkritischer recht­schreib­unterricht führt im regel­fall dazu, dass auch der er­wachsene das tabu der geltenden rechtschreib­norm nicht mehr an­zutasten wagt. Insofern ent­scheidet schon die art der vermittlung der recht­schreibung in der schule über die chancen künftiger reformen. Dabei lässt sich durchaus ein rechtschreib­unterricht denken und praktizieren, der die ver­mittlung und sicherung der recht­schreibung mit ihrer kritischen reflexion verbindet.

Leo Weisgerber, Die Ver­antwor­tung für die Schrift, 1964, s. 168f.

Dieselbe Schule, die den Unmündigen die Diktatur der Schrift zu einem Grund­erlebnis der ersten Schuljahre macht (und bei dem jetzigen Zustand unserer Rechtschreibung machen muß), müßte den mündig Gewordenen mit gleichem Nachdruck einprägen, daß Schrift und Rechtschreibung keine vor­gegebenen Heilig­tümer sind, sondern geschichtliche Setzungen, denen der Mensch aus­reichende Verbindlich­keit, aber ebenso aus­reichende Ab­wandlungs­fähigkeit zu­teilen muß.

Durch die Einsicht in die historische Be­dingtheit der Ortho­graphie soll der Rechtschreib­unterricht den Schüler auch zu einer kritischen Einstellung gegen­über der Recht­schreibung befähigen.

John Ruskin, Time And Tide, p. 108

Never teach a child anything of which you are not yourself sure; and, above all, if you feel anxious to force anything into its mind in tender years – that the virtue of youth and early association may fasten it there – be sure it is no lie which you thus sanctify … Better that it should be ignorant of a thousand truths than have consecrated in its heart a single lie.

«We vote for a reform that will be taking place in schools and only in schools»

Yacine Ahtaitay, ahtaitay.blog­spot.com, 12. 11. 2017

Gerd Simon, Margina­lismus und Chaos-Angst (manu­skript), 24. 9. 2004

Für Erwachsene sehe ich über­haupt kei­nen Grund, die gängige Schreibung zu re­formieren. Das englische Bei­spiel zeigt, dass es auch ohne Reformen geht. Hier wäre lediglich zu monieren, dass das »Oxford Dictionary« nicht weniger dog­matisch als in Deutsch­land der »Duden« eine bestimmte Schreibung vor­schreibt. Für Lernende spricht überhaupt nichts dagegen, wenn Kommis­sionen eine Recht­schreibung entwickeln, die leicht erlernbar, und für Erwachsene lesbar und ver­ständlich ist sowie wissen­schaftlichen Prinzipien folgt.

Gegen­position zum «Fetisch der Einheitlich­keit». Ein ansatz in dieser richtung ist das britische initial teaching alpha­bet.

Die neuregelung von 1996

Reinhard Markner, Magde­burger Volksstimme, 16. 12. 2010

Eine empirische Überprüfung der Aus­wirkungen der Reform auf die Leistungen der Schüler hat es bisher nicht gegeben und wird es wohl auch nie geben, weil sie unerwünschte Resultate erbringen würde. Die Reform hat, anders als von ihren Urhebern verheißen, nur zu mehr Fehlern geführt.

Die Orthografie von Schülern ist so schlecht wie noch nie, klagen viele Sprach­didaktiker. […] Diese Ent­wicklung beruht Bildungs­forschern zufolge jedoch nicht gänzlich auf der Rechtschreib­reform.

Eher gänz­lich nicht, wie ein blick über die sprach­grenze zeigt (Südost­schweiz, 4. 5. 2011).